Louis-Géraud Castor
Vom Kunsthändler zum
Floristen der Modewelt

Art and Design

Louis-Géraud Castor kennt sich sowohl mit Blumen als auch mit Kunst bestens aus: Der ehemalige Kunsthändler hat sich im Pariser Marais Viertel, in dem er auch aufgewachsen ist, als Florist niedergelassen. Dort arrangiert er Blumen wie organische Kunstwerke. Zufall – oder doch natürliche Konsequenz? Sein makelloses weißes Atelier befindet sich in einem Gebäude, das der Enkelin des Architekten und Designers Pierre Jeanneret gehört. Zwischen dem Kreieren von Blumensträußen empfängt er uns, um mit uns seine Gedanken zu seinen beiden Leidenschaften zu teilen.

MAISON Ë Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Louis-Géraud Castor „Florist“ ist ein wunderschönes Wort, das meinen Beruf auf den Punkt bringt – einen Beruf, den ich mit der Sensibilität eines Kunsthandwerkers ausübe.

M.Ë In welchem Umfeld sind Sie aufgewachsen?

L.C. Ich bin in Saint-Mandé aufgewachsen, habe jedoch einen Teil meiner Schulzeit im Marais-Viertel verbracht, wo sich heute mein Atelier befindet. Mein Vater war ein Auktionator. Ich habe Kunstgeschichte und Archäologie an der Sorbonne studiert, am Institut Michelet – dort, wo derzeit meine Tochter ihr Studium absolviert.

Ich wurde schnell in die Welt des Kunsthandels hineingezogen. Ich hatte das Privileg, das Handwerk bei Francine Grünwald erlernen zu dürfen, so dass ich ihre Vision, ihren Geschmack und ihr Erbe verinnerlicht habe. Francine ist die Enkelin von Karl Grünwald, dem Wiener Kunsthändler, der Werke von Schiele und Klimt vertrieb. Sie selbst führte eine Galerie in der Rue Dupetit-Thouars.

M.Ë Wie hat sich Ihre Karriere in den ersten 20 Jahren entwickelt?

L.C. Ich habe mich auf das Kunstgewerbe des 20. Jahrhunderts spezialisiert. Kaufen, schätzen, ausstellen: Alles war damals miteinander verknüpft. Ich nahm an vielen Messen in Paris, New York und vor allem London teil, wo ich auch an der Präsentation von Objekten arbeitete. Wir kollaborierten intensiv mit Rose Uniacke, einer Innenarchitektin, die u. a. mit Victoria Beckham zusammenarbeitet. Ihr Ansatz verkörpert eine einzigartige britische Sensibilität – einen ausgeprägten Sinn für das Sammeln und eine kreative Art, Mode und Kunst zu kombinieren.

M.Ë Welche Stücke reizten Sie beim Kaufen und Verkaufen?

L.C. Durch akribische Recherchen konnte ich einzigartige Stücke ausfindig machen. Ich habe sogar ein Buch über Elizabeth Eyre de Lanux geschrieben, eine amerikanische Designerin und Zeitgenossin von Eileen Gray, die in jener Pariser Welt zu Hause war, die ich so liebe – dem Paris von Jacques Doucet. Einer Ära, in der Einflüsse und Materialien aus Japan und den sogenannten „tropischen Ländern“, der französischen dekorativen Kunst neues Leben einhauchten.

Ich hatte das Glück, von den großen Händler:innen des 20. Jahrhunderts lernen zu dürfen, unter ihnen Anne Sophie Duval am Quai Malaquais, die scheinbar anonyme, aber sehr reizvolle Objekte ausgruben. Im Laufe der Zeit wurden viele dieser Stücke wiederentdeckt, Auktionshäuser haben das Ruder übernommen, wodurch die Rolle der spezialisierten Zwischenhändler an Bedeutung verlor. Heute konzentrieren sich die Käufer:innen auf Objekte, deren Wert bereits feststeht; so ist eine ganze Welt verschwunden.

M.Ë Dann nahm Ihr Leben eine interessante Wendung und die Floristik wurde ein Teil davon. Wie kam es dazu?

L.C. Inneneinrichtung und Blumen haben mich schon immer fasziniert, vor allem aufgrund der Bücher, die ich bei Colette fand, und in denen ich zum ersten Mal die Arbeiten der australischen Blumenkünstlerin Lisa Cooper entdeckte. Ich habe schon immer einfache Sträuße arrangiert, die Art, die in den 90er Jahren „Wildblumen-Stil“ genannt wurde. Mein Vater kaufte Sträuße von Christian Tortu, einem Meister des Arrangements. Und in meinem späteren Erwachsenleben, als ich viel reiste, brachte ich als Ritual immer Blumen mit nach Hause, um so das Wochenende einzuläuten.

Blumen wurden nicht nur zur Dekoration, sondern zu einem Medium für mich – zu einer Möglichkeit, meine Liebe zur Abstraktion und zum Minimalismus zu kanalisieren. Plötzlich erkannte ich, dass es möglich war, mit Volumen, Farbe und Blumenvielfalt so zu arbeiten, als würde ich ein Kunstwerk komponieren.

M.Ë Wie beeinflusst Ihr Kunsthandels Hintergrund Ihre heutige Arbeit als Florist?

L.C. Ich wende meinen Blick als Händler auf einen der wichtigsten Aspekte der Floristik an: die Beschaffung der Blumen. So wie ich früher einer der Ersten auf dem Flohmarkt von Saint-Ouen war, bin ich jetzt einer der Ersten auf dem Marché d’intérêt national de Rungis, dem größten Frischmarkt der Welt. Hier wähle ich Blumen ähnlich wie Kunstobjekte aus und berücksichtige dabei sowohl ihren Bestimmungsort als auch den gewünschten Effekt. Die Suche ist ähnlich aufregend, wie die Jagd nach Antiquitäten, zumal einige Sorten selten sind oder allmählich ganz verschwinden. Ein Thema des Klimawandels mit dem ich mich zuvor noch nie beschäftigt hatte. Ich bemühe mich, mit saisonalen und lokalen Blumen zu arbeiten. Im Winter ist das komplizierter, aber wir haben Mimosen aus der Region Var, Mohn und Ranunkeln aus Italien und Hyazinthen aus den Niederlanden. Die Schönheit der Blumen liegt in ihrer Saisonalität.

Abgesehen von der Auswahl der Blumen ist meine Herangehensweise an Komposition und Inszenierung ähnlich wie die vieler Modehäuser. Historisch gesehen hatte die Mode schon immer eine starke Verbindung zu Blumen – als Inspirationsquelle und starkes erzählerisches Element. Schon sehr früh hatte ich die Möglichkeit, für Madame Prada, Loewe und an einem Shiseido-Duft zu arbeiten – Projekte, die mich wirklich begeistert haben.

M.Ë Haben Sie eigentlich einen eigenen Garten? Und wenn ja, wie sieht er aus?

L.C. Ich habe in einem kleinen Dorf, nicht weit vom Landhaus meiner Eltern entfernt, einen Garten gekauft. Noch ist er nicht bepflanzt, aber ich stelle mir eine Fläche vor, auf der Rhabarber, roter Kuri-Kürbis, Kohl und Schweizer Mangold wachsen – neben Küchengartenblumen wie Dahlien, die ich sehr mag.

M.Ë Auf welche Weise pflegen Sie die Beziehung zu Ihrer Kundschaft?

L.C. Meine ersten Kund:innen kamen aus der Kunst- und Modebranche und stießen auf dem Weg zur Galerie Thaddaeus Ropac auf unser Studio. Und Instagram war ein großartiges Schaufenster für meine Arbeit. Mit der Zeit haben die Menschen dieses saisonale Rendezvous zu schätzen gelernt – vor allem in Zeiten der Hyperkonnektivität. Der Winter vergeht und der erste Flieder taucht auf, wir erleben die Ankunft von Zuckererbsen aus Japan, wo der Frühling früher beginnt. Diese Momente markieren den Lauf der Zeit, die Ankunft des Wochenendes, den Wechsel der Jahreszeiten. Und die Schönheit des Vergänglichen: Manche Blumen, wie etwa geflammte Tulpen, halten sich zehn Tage, während andere schneller verblühen. Es ist die Kraft der Natur, die wirkt.

M.Ë Woran arbeiten Sie derzeit?

L.C. Zurzeit bereiten wir das Dinner der Amis de Centre Pompidou vor, eine große Veranstaltung für Mäzene des Museums für Moderne und Zeitgenössische Kunst in Paris. Eine meiner größten Herausforderungen ist auch hier die Beschaffung von Blumen in großen Mengen. Normalerweise arbeiten wir in kleinen Chargen – ein Dutzend Sträuße, die auf Instagram zu sehen sind; jetzt aber geht es darum, die Menge zu erhöhen. Das ist eine völlig andere Hausnummer.

In letzter Zeit habe ich außerdem über all die Dinge nachgedacht, die ich in den letzten sieben Jahren erleben durfte – die Düfte, die Texturen, nach denen wir uns sehnen, die Elemente, die wir bei der Gestaltung eines Straußes vermissen. Ich arbeite an einer Möglichkeit, dieses Universum zu erweitern.

M.Ë Skizzieren Sie Ihre Kompositionen, bevor Sie sie kreieren?

L.C. Ich bin leider völlig unbegabt im Zeichnen! Normalerweise erhalte ich eine Vorgabe für eine Farbe oder eine Form und von da an fügt sich alles instinktiv zusammen.

Man sagt, dass Florist:innem gute Koloristen sind, da wir das Glück haben, mit der schönsten Farbpalette zu arbeiten. Designer:innen beneiden uns um die endlosen Rosatöne und die subtilen Nuancen, die uns die Natur bietet.

Die Auswahl der Blumen und die Zusammenstellung eines Straußes erfordert große Präzision. Wir modellieren das Volumen, um ovale, fächerförmige oder wolkenartige Kompositionen zu schaffen. Um das leuchtende Gelb der Mimose hervorzuheben, entfernen wir zum Beispiel alle Blätter, bis wir eine leichte, luftige, fast moosartige Form erhalten. Das hat mit meiner Bewunderung für Yves Klein und seine Herangehensweise an die Farbe durch die Verwendung von Schwämmen zu tun.

M.Ë Wie kultivieren Sie Ihren Sinn für das Sammeln?

L.C. Meine Liebe zur Kunst und zu Objekten bleibt von zentraler Bedeutung. Die Beziehung zwischen einer Blume und ihrer Vase ist essenziell – die eine kann ohne die andere nicht wirklich existieren. Ein schönes Objekt hat die Kraft, einen Raum zu verwandeln. Und ich habe immer gewusst, dass ich eines Tages eine Sammlung aufbauen würde. Als ich anfing, sagte Francine Grünwald zu mir: „Ich verschenke nie einen Blumenstrauß ohne die dazugehörige Vase.“ Das hat mich sehr beeindruckt. Es macht so viel Freude, nach exquisiten und dennoch erschwinglichen Vasen zu suchen, um etwas Bleibendes zu schaffen, das über die vergängliche Schönheit der Blumen hinausgeht. Ich bin dieser Philosophie treu geblieben und habe langfristige Beziehungen zu Sammler:innen und Kund:innen aufgebaut, deren Vasen ich regelmäßig mit Blumen zum Leben erwecke.

Man sagt, dass Florist:innen gute Koloristen
sind, da wir das Glück haben, mit der
schönsten Farbpalette zu arbeiten.

M.Ë Gibt es die ideale Vase für Sie?

L.C. Viele Interieurs folgen heute einer minimalistischen Ästhetik, oft mit einfachen Glasröhrenvasen. Aber diese Art von Vase zeigt unansehnliche Stiele und lässt die Präsenz von Terrakotta, die das Wasser kühler hält, vermissen.

Meine Faszination für Keramik hat mich dazu inspiriert, mit Mathilde Martin zusammenzuarbeiten. Ihre Welt deckt sich mit meinem künstlerischen Empfinden, etwa mit den skulpturalen Gipsarbeiten von Alberto und Diego Giacometti. Ich fühle mich von Unvollkommenheit und Asymmetrie angezogen – Eigenschaften, die sich auch in meinen Blumensträußen widerspiegeln. Ich liebe Materialien, die zum Anfassen einladen. Mathilde und ich erforschen gemeinsam archaisch geformte Vasen in mattem Gipsweiß, tiefschwarze Texturen, die an Lava erinnern, oder Objekte aus gehämmertem Metall. Aus unserem Austausch wird noch in diesem Jahr eine Reihe einzigartiger Stücke hervorgehen.

M.Ë Welche Bedeutung haben Blumen für Sie?

L.C. Blumen geben Raum zum Atmen. Eine blühende Magnolie verwandelt einen Raum, hält die Zeit an, erinnert an Japan. Im Laufe der Jahre entdecken wir nicht nur neue Blumen, sondern auch neue Facetten in jeder Blüte. Selbst wenn sie verblühen, bleiben sie schön – wie Pfefferzweige, die sich Tag für Tag weiterentwickeln. Zu Hause bewegen sie sich, wandern vom Tisch auf den Nachttisch in einem kleinen Silberbecher. Blumen sind ein lebendiges Medium.

Text
Juliette Sebille
Fotografie
Paloma Saint Leger
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