Im Gespräch mit Modefotograf
Andreas Ortner

Fashion and Beauty

Andreas Ortner misst Erfolg nicht an Titelseiten oder Spektakel, sondern an Präsenz, Verantwortung und dem Wohlbefinden der Menschen in seinem Umfeld – und das in einer Branche, die nach wie vor anspruchsvoll, wettbewerbsintensiv und oft gnadenlos ist.

Im Gespräch mit Fotograf Andreas Ortner

00:00

Schon nach wenigen Minuten im Gespräch mit Andreas Ortner wird seine ruhige Selbstsicherheit deutlich. Er ist weder laut, noch theatralisch oder gar gehetzt. Vielmehr wirkt er überaus bescheiden. Ortner ist einer der wenigen Modefotografen, der Präzision mit Herzlichkeit verbindet und die unglaubliche Gabe besitzt, Menschen einzubeziehen und ihnen das Gefühl zu geben, gesehen zu werden. Er ist jemand, der versteht, dass Erfolg nicht nur an Titelseiten und Kampagnen gemessen wird, sondern daran, wie man sich in der Branche bewegt und wie man die Menschen behandelt, die mit einem zusammenarbeiten.

Ortner stammt ursprünglich aus Innsbruck in Österreich, und wuchs umgeben von Bergen, Sport und einem starken Familienzusammenhalt auf. Es war eine liebevolle, aber bescheidene Kindheit, die bereits früh seinen Sinn für Unabhängigkeit prägte. Mode war schon damals präsent – aber weniger durch Hochglanzmagazine oder Luxuslabels geprägt, eher bedingt durch Notwendigkeit und Kreativität. Da sich seine Eltern die neuesten Trends oft nicht leisten konnten, schuf er sie einfach selbst, indem er Jackenärmel abschnitt, T-Shirts färbte und ganz nebenbei zu seinem persönlichen Stil fand.

Die Berge wurden ihm jedoch irgendwann zu einengend. Ortner verspürte den Drang, wegzugehen, um zu sehen, was jenseits des geschlossenen Horizonts existierte. Eine solche Gelegenheit ergab sich unerwartet, als er während eines Urlaubs in Miami entdeckt wurde. Mit langen Haaren, dichten Locken und einer energiegeladenen Ausstrahlung nahm er fast zufällig an einem Modelwettbewerb teil und gewann – obwohl er nicht einmal wusste, dass der Preis einen sechsstelligen Scheck beinhaltete. „Als ich diesen Scheck in den Händen hielt, war mir sofort klar, dass ich es versuchen würde – ich wollte Model werden und zog direkt nach New York City.“

„Als ich diesen Scheck in den Händen hielt, war mir
ziemlich klar, dass ich es versuchen würde – ich wollte
Model werden und zog sofort nach New York City.

New York markierte den Beginn seines Eintauchens in die Welt der Mode. Das Modeln öffnete ihm rasch Türen, doch irgendwie war das nicht genug. Auch wenn ihn die Branche faszinierte, spürte er stets eine innere Unruhe. Das Modeln brachte zwar Geld ein, doch Ortners Bedürfnis, selbst kreativ tätig zu sein, erfüllte es nicht.

Die Fotografie hielt nicht als Kindheitstraum Einzug in sein Leben, sie kam erst später dazu, als unmittelbare Folge seiner Neugier. Hartnäckig fragte Ortner einen renommierten Fotografen, mit dem er arbeitete, ob er ihm assistieren dürfe. Nach mehreren Absagen wurde er schließlich ins Studio eingeladen – nicht um zu fotografieren, sondern um Kaffee zu kochen und die Organisation zu übernehmen. Das reichte ihm. Ortner kaufte auf einem Flohmarkt in Brooklyn eine analoge Kamera für 40 Dollar, ohne zu wissen, ob sie überhaupt funktionierte. Als er seine ersten entwickelten Bilder sah, veränderte sich etwas. „Ich war nicht länger das Objekt“, erinnert er sich. „Ich war derjenige, der erschafft – und ich war sofort begeistert.“

Dieser Moment markierte einen Wendepunkt. Ortner sah die Fotografie nicht mehr als bloßes Beiwerk der Mode, sondern begann, sie als seine Sprache zu begreifen. Sein Interesse an Architektur, Design und konzeptionellem Denken floss ganz natürlich in seine Bilder ein. Er assistierte, studierte, fotografierte unermüdlich und investierte alles, was er hatte – an Zeit und Geld –, in den Aufbau seiner visuellen Identität. Geld kam zuletzt. Jahrelang war das Schaffen die Belohnung.

„Dein Stil ist wie deine DNA. Du musst ihn finden.“

Geduld, so lernte er, war unvermeidlich. Ortner umgab sich mit Mentor:innen, die ihn daran erinnerten, dass Karrieren Zeit brauchen, manchmal sogar ein Jahrzehnt. Schließlich brachte Ortner ein selbst initiiertes Shooting mit einem befreundeten Model, das Cover eines Magazins ein. Mit diesem Erfolg änderten sich die Angebote, und langsam wurde eine erkennbare Ästhetik sichtbar. „Dein Stil ist wie deine DNA“, sagt Ortner. „Du musst ihn finden.“

Ortner begann, sein Portfolio bei Magazinen zu präsentieren und setzte dabei auf eine weitere seiner Stärken: Kommunikation. Fotografie, betont er, sei nie nur das Bild. Es gehe um Menschen, um Vertrauen, Führung und Verantwortung. Ein Fotograf müsse nicht nur visuell, sondern auch emotional Regie führen.

Diese Denkweise bestimmt seine Herangehensweise am Set. Ortner sieht sich im wahrsten Sinne des Wortes als Regisseur: verantwortlich für jedes Detail, jede Dynamik, jedes Ergebnis. Zu Beginn seiner Karriere lernte er, dass letztendlich der Fotograf die Verantwortung trägt, auch wenn etwas schiefgeht. Heute nimmt er diese Rolle voll und ganz an. Kontrolle bedeutet für ihn Fürsorge statt Dominanz. Er möchte, dass alle das Set mit einem Gefühl der Wertschätzung, Energie und des Stolzes auf die gemeinsam geschaffene Arbeit verlassen.

Trotz seines rasanten Erfolgs hat Ortner die Modebranche nie romantisiert. Eine der größten Fehlannahmen ist seiner Meinung nach, dass sie oberflächlich sei. „Sie ist nur oberflächlich, wenn man selbst oberflächlich ist“, sagt er. Seine engsten Freundschaften, bedeutendsten Kooperationen und prägendsten Erfahrungen verdankt er der Mode.

„Ich war nicht mehr das Objekt. Ich war
derjenige, der schuf – und ich war begeistert.“

Jahrelang war Ortner fast ständig unterwegs – 280 Tage im Jahr zwischen Städten, Produktionen und Zeitzonen. Das Adrenalin trieb ihn an, bis es irgendwann nicht mehr funktionierte. Vater zu werden, veränderte alles. Vor etwa einem Jahr – nachdem er die Fünfzig erreicht hatte – traf Ortner die bewusste Entscheidung, langsamer zu treten, Projekte sorgfältiger auszuwählen und seine Ressourcen zu schonen. „Ich wollte wieder Freude daran haben, zur Arbeit zu gehen“, erklärt er. Der Schritt zurück gab ihm genau das.

Einer der Orte, der seine Perspektive nachhaltig verändert hat, war nicht etwa eine Modehauptstadt, sondern Südafrika. Während eines Shootings knüpfte Ortner einen Kontakt zu einer Frau, die in jenem Haus arbeitete, in dem das Team untergebracht war. Nachdem er ihre Familie in den Townships besucht und die Bedingungen gesehen hatte, unter denen die Kinder vor Ort zur Schule gingen, organisierte er Unterstützung von Freund:innen und Branchenkolleg:innen, um eine sicherere Lernumgebung zu schaffen. Für Ortner ging es dabei nicht um Wohltätigkeit, sondern um Verantwortung. Diese Erfahrung prägt bis heute seine Sicht auf die Welt, den Erfolg und seinen Daseinszweck.

Heute ist Ortners Heimatgefühl nicht mehr an Geografie gebunden. Nach Jahren des Lebens aus dem Koffer ist sein Zuhause dort, wo seine Frau und sein achtjähriger Sohn sind. Dort fühlt er sich geerdet, vollständig und ganz bei sich selbst.

Die Modebranche bleibt anspruchsvoll, wettbewerbsintensiv und gnadenlos. Viele geben aus Erschöpfung auf, sind ausgebrannt. Ortner versteht, warum. Der Druck, ständig kreativ zu sein, sich weiterzuentwickeln und immer besser zu werden, verschwindet nie. Was ihn antreibt, ist einfach: Er arbeitet in erster Linie für sich selbst. Wenn er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, folgt die Resonanz meist von selbst. Solange die Freude bleibt, sieht Andreas Ortner keinen Grund aufzuhören.

Text
Sandra Reichl
Fotografie
Sandra Reichl
(Alle anzeigen)
Meine Liste
Read (0)
Watch (0)
Listen (0)
Keine Stories