Leica — 100 Jahre Handwerkskunst
und kultureller Einfluss

Art and Design

Leica ist seit langem ein Liebling unter Fotograf:innen, doch ihre Anziehungskraft reicht mittlerweile über diese Welt hinaus. Mit mehr als 100 Jahren Handwerkskunst und Innovation hat die Marke ein bleibendes Vermächtnis mit einer unverwechselbaren Perspektive geschaffen – eines, das auch weiterhin neue Generationen anzieht.

Um 1913 entwickelte Oskar Barnack, ein Ingenieur in der Ernst-Leitz-Fabrik, die ‚Ur-Leica‘.
Um 1913 entwickelte Oskar Barnack, ein Ingenieur in der Ernst-Leitz-Fabrik, die ‚Ur-Leica‘.

(Fotografie)Die Geschichte des Unternehmens begann in Wetzlar, Deutschland, einer Stadt, die damals für die Herstellung von Mikroskopen bekannt war. Oskar Barnack, ein Ingenieur der Ernst-Leitz-Fabrik, wünschte sich eine kleinere, leichtere Kamera, mit der er trotz seiner chronischen Erkrankung einfacher fotografieren konnte. Um 1913 entwickelte er die sogenannte „Ur-Leica“, einen Prototyp, der einen 35-mm-Film verwendete, der bis dahin nur für Kinofilme genutzt wurde. Die Serienproduktion begann erst nach dem Ersten Weltkrieg, als vor einem Jahrhundert, im Jahr 1925, die Leica I vorgestellt wurde.

Ihre Markteinführung markierte einen Wendepunkt in der Fotografie. Vor der Leica I waren die Kameras sperrig, langsam und konnten oft nur mit Stativen verwendet werden. Die Leica I dagegen war kompakt und unauffällig, was sie ideal für die Straßenfotografie, für Reisen und für den Journalismus machte, sowohl wegen ihrer einfachen Handhabung als auch wegen ihrer spontanen Einsatzmöglichkeiten. Sie ermöglichte es Fotograf:innen, freier, näher an ihren Motiven zu arbeiten. Im Laufe der Zeit wurde das von Leica eingeführte 35-mm-Format zum Industriestandard und trug dazu bei, die Fotografie von einer Neuheit zu einer eigenständigen Kunstform werden zu lassen.

Oskar Barnacks Fotografie ‚Der Radioamateur‘, ca. 1925.

Oskar Barnacks Fotografie ‚Der Radioamateur‘, ca. 1925.

‚Vorbereitung zum Beschichten der Linsen‘, eine 1953 von Liesel Springmann in der Leica-Fabrik aufgenommene Fotografie.
‚Vorbereitung zum Beschichten der Linsen‘, eine 1953 von Liesel Springmann in der Leica-Fabrik aufgenommene Fotografie.

Leica in allen Lebenslagen
An diesem Punkt wurde das Potenzial der Fotografie erst richtig erkannt. Künstler:innen und Fotograf:innen wie beispielsweise Henri Cartier-Bresson trugen bekanntermaßen stets eine Leica bei sich und definierten damit ihren Ansatz der spontanen, den Moment festhaltenden Fotografie. Cartier-Bresson schrieb seiner Leica zu, dass sie es ihm ermöglichte, das Leben so einzufangen, wie es sich entfaltete, insbesondere auf der Straße und auf seinen Reisen. Robert Capa nahm seine Leica mit in Kriegsgebiete. Die dabei entstandenen Fotos vom Spanischen Bürgerkrieg und vom D-Day wurden durch die Fähigkeit der Kamera geprägt, auch unter extremen Bedingungen mit ihm Schritt zu halten. Später dokumentierten Garry Winogrand und Joel Meyerowitz mit Leica-Kameras das Alltagsleben auf den Straßen New Yorks. Sie streiften Tag für Tag viele Kilometer umher, fotografierten unbemerkt und ließen die Szenen auf natürliche Weise ihren eigenen Lauf nehmen.

Andere setzten Leicas in völlig anderen Umgebungen ein. Mary Ellen Mark brachte ihre in Obdachlosenheime und Institutionen und gewann im Laufe der Zeit das Vertrauen ihrer Protagonist:innen. Sebastião Salgado fotografierte mit einer Leica Arbeiter und Vertriebene auf mehreren Kontinenten. In jüngerer Zeit hat Sarah M. Lee mit ihrer Leica alles dokumentiert, von alltäglichen Momenten in London bis hin zu intimen Porträts von Prominent:innen, und dabei stets ein Gefühl von Unmittelbarkeit und Verbundenheit vermittelt, das die Stärken der Kamera widerspiegelt.

Die Faszination der Leica liegt natürlich auch in ihrer technischen Präzision, aber das ist nicht die ganze Geschichte. Die Fähigkeit der Marke, ihrer Identität treu zu bleiben, und das über ein ganzes Jahrhundert hinweg, hat zu ihrem Erfolg beigetragen. Während andere Marken auf ständige Verbesserungen und neue Funktionen setzen, ist Leica selektiver vorgegangen. Die digitalen Modelle Leicas sind bekannt für ihre Schlichtheit, die auf überflüssige Details verzichtet. Manuelle Bedienelemente, ein robustes Metallgehäuse und eine minimalistische Benutzeroberfläche machen diese Kamera zu einem ganz besonderen Werkzeug. Mit anderen Worten: Leica zeichnet sich durch ein Design aus, das sich seit Jahrzehnten nicht verändert hat. Ob Film oder digital, die meisten M-Kameras haben die gleiche Form und das gleiche Layout. Man kann eine M6 aus den 1980er-Jahren oder eine M11 aus dem letzten Jahr in die Hand nehmen und fühlt sich sofort wie zu Hause. Diese Designphilosophie ist stark von der Bauhaus-Philosophie geprägt, nach der die Form der Funktion folgt und Verzierungen weggelassen werden, um die Klarheit des Objekts selbst hervorzuheben. Dieser Ansatz ist zeitlos und hat sich bewährt.

‚Testen eines Objektivs‘, fotografiert von Liesel Springmann.
‚Testen eines Objektivs‘, fotografiert von Liesel Springmann.

Die Philosophie des Sehens
Leica ist mehr als nur Technologie: Die Marke verkörpert eine Philosophie des bewussten Sehens. In einer Zeit der digitalen Überflutung steht Leica für Reduktion, Fokus und das Erzählen von Geschichten durch ein einziges Bild. Es handelt sich um ein Symbol für Qualität statt Quantität, für Substanz statt Hype.

Ein Großteil des heutigen Marktstatus von Leica ist auf das Bestreben zurückzuführen, eine Community von Markenloyalisten aufzubauen. Einige sind Profis, die seit Jahrzehnten Leica-Kameras verwenden. Andere sind Neulinge, die eine Kamera kaufen, um Teil einer Gemeinschaft zu werden, die Handwerkskunst, Geduld und eine bewusstere Art des Sehens schätzt. Leica unterstützt dies gezielt: mit Galerien in Städten wie Los Angeles, London und Tokio, einer globalen Akademie, die Workshops und Mentoring anbietet, sowie einer stetigen Präsenz in Kulturinstitutionen und auf Veranstaltungen. Durch die globale Präsenz vermittelt Leica ein Gefühl der Zugehörigkeit überall auf der Welt.

Text
Brett F. Braley-Palko
Fotografie
Liesel Springmann

Oskar Barnack
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