Anouk Hart —
Die Form der Stille
In Anouk Harts Welt herrscht eine seltene Ruhe – eine Präzision, die weniger konstruiert als vielmehr destilliert wirkt. Harts Arbeit bewegt sich fließend zwischen verschiedenen Disziplinen – Mode, Art Direction und Fotografie –, doch ihre Bilder existieren in einer ganz eigenen Welt. Maison Ë wollte mehr über Harts Arbeit erfahren und traf die Künstlerin zu einem Interview.
(Multidisziplinarität)In ihrem Amsterdamer Studio, wo ihre hauseigene Galerie gleichzeitig als Zufluchtsort dient, arbeitet Anouk Hart mit viel Licht und Stille. Ihre Fotografien – die in Harper’s Bazaar, Rika Studios Paper, Mirror Mirror, Elle und L’Officiel gefeiert werden – sind Meditationen über Form, Textur und Schatten, Studien darüber, wie Zurückhaltung zu Ausdruck wird und wie Stille Emotionen transportieren kann.
Ihre Zusammenarbeit mit Maisons wie Repossi und Bibi van der Velden zeigt einmal mehr Harts Fähigkeit, stille Raffinesse in visuelle Poesie zu übersetzen – wo Handwerkskunst und Konzept in perfekter Balance aufeinandertreffen.
Durch vielschichtige Bilder spielt Hart mit Tiefe und Distanz und entführt uns in eine Welt, in der die Wahrnehmung verführt wird. Durch die sorgfältige Manipulation jeder einzelnen Ebene hinterfragt sie unser Vertrauen in das, was wir sehen, und verwischt die Grenze zwischen Realität und Illusion. Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass das Sehen niemals absolut ist und dass Sehen nicht immer Glauben bedeutet.
Echoes of the Past
Echoes of the past drift like tides,
moments shaped by water, memory, and time.
What once was lingers in shades of black and white,
inviting us to pause, reflect, and carry our own echoes forward.
MAISON Ë Sie sind zwischen Asien und den Niederlanden aufgewachsen und haben später in Paris und Amsterdam studiert – alles Orte mit einer ganz eigenen Ästhetik. Wie haben diese Kontraste Ihre Sensibilität für Licht, Textur und Stille geprägt?
Anouk Hart Ich bin in Asien aufgewachsen und war von verschiedenen Kulturen und Arten von Licht umgeben. Als eines der ersten Expat-Kinder an Orten, die noch nicht touristisch waren, erlebte ich diese ruhigen, stillen, schönen Umgebungen. Das brachte mich dazu, genau auf Details, Materialien und Texturen zu achten. Ob Kokosnüsse an einem Baum oder eine Schlange im Garten – alles faszinierte mich.
In Paris habe ich gelernt, Architektur und die Geschichte hinter den Gebäuden zu betrachten. Ich war fasziniert davon, wie Licht auf Strukturen fällt und dabei Tiefe erzeugt. Ich denke, das sieht man in meinen Arbeiten: Ich baue Schichten auf eine Weise auf, die fast so ist, wie wenn eine Architekt:in durch verschiedene Ebenen Tiefe schafft. Das ist in meinen Kunstwerken deutlich zu erkennen. In Paris hat auch meine Faszination für Mode ihren Ursprung, und seitdem ist sie ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit geblieben.
M. Ë Sie haben mit Modedesign und -management begonnen, bevor Sie zur Fotografie gewechselt sind. Was gibt Ihnen die Fotografie, was die Mode nicht konnte?
A.H. Was mir die Fotografie gibt, was die Mode nicht bietet, ist die Freiheit, unabhängig zu beobachten und zu schaffen. Gleichzeitig schätze ich die Zusammenarbeit und die Arbeit im Team. Mein modischer Hintergrund ist immer noch sehr präsent. Ich betrachte Kleidungsstücke auf skulpturale Weise, fast wie Kunstobjekte, und dieses Gespür für Form und Textur prägt weiterhin meine Fotografie.
M. Ë Ihre Fotografien wirken oft wie skulpturale Objekte. Was leitet Sie beim Komponieren eines Bildes zuerst: Emotion, Geometrie oder Instinkt?
A. H. Der Instinkt kommt zuerst – aber es ist ein Instinkt, der von Geometrie und Emotion geprägt ist. Ich beginne normalerweise nicht mit einem festen Plan. Stattdessen reagiere ich darauf, wie das Licht fällt, wie sich ein Stoff bewegt, wie eine Geste Spannung erzeugt. Später gehe ich zurück und verfeinere das Ganze mit Präzision.
M. Ë Sie haben Ihre Faszination für Form, Textur und Schatten beschrieben. Wie entscheiden Sie, was im Licht bleibt und was sich in der Dunkelheit verliert?
A. H. Oft sorge ich dafür, dass die abgelichtete Person anonym wirkt, indem ich sie wegdrehe oder ihr Gesicht mit Schatten bedecke. Im Licht bleiben Formen und Texturen, welche die Betrachtenden in ihren Bann ziehen; in der Dunkelheit verschwinden Details, die ich der Interpretation überlassen möchte. Auf diese Weise lade ich das Publikum ein, zweimal hinzuschauen und sich seine eigene Geschichte zu erzählen.
„Ich hoffe, wir sehnen uns nach Bildern,
die uns zum Innehalten einladen –
die uns zum Fühlen auffordern,
anstatt einfach nur zu konsumieren.“
M. Ë Ihre Arbeiten strahlen eine ruhige Spannung aus – ein Gefühl, als sei die Zeit langsamer geworden, und doch pulsiert das Bild vor Leben. Wie schaffen Sie diese Stille?
A. H. Ich denke, sie entsteht durch meine Verwendung von Schwarz-Weiß-Fotografie, die viel Tiefe vermittelt. Oft platziere ich ein großes weißes Passepartout um das Bild herum, um eine Art Betrachtungsrahmen zu schaffen, der die Betrachtenden nach innen zieht. Die Bilder ziehen einen geradezu in ihren Bann, und das erfordert eine gewisse Stille – eine Pause –, um wirklich zu verstehen, was man sieht, und um darin seine eigene Geschichte zu entdecken.
M. Ë Können Sie Ihr Arbeitsritual beschreiben – wie sich ein Tag in Ihrem Studio von der ersten bis zur letzten Aufnahme gestaltet?
A. H. Meine Kunstwerke beginnen oft mit einem einzigen Bild. Während ich es studiere, beginne ich, Linien und abstrakte Formen zu sehen – Echos vergangener Kreationen –, die ich einbringen kann, um es zu ergänzen und mit ihm zu interagieren.
M. Ë Was reizt Sie an bestimmten Materialien, Texturen oder Oberflächen? Nutzen Sie Objekte nur wegen ihres Potenzials, das richtige Licht einzufangen?
A. H. Ich habe eine tiefe Liebe für abstrakte Objekte und Kleidungsstücke. In meiner Arbeit ist die Form essenziell, und ich fühle mich zu Materialien hingezogen, die sich verwandeln.
M. Ë „Quiet Luxury“ ist zu einem kulturellen Synonym für Raffinesse, Subtilität und Zurückhaltung geworden. Entspricht diese Idee Ihrer kreativen und privaten Philosophie?
A. H. In meiner Arbeit strebe ich nach Raffinesse, indem ich die Dinge subtil halte – indem ich Raum, Stille und Details Bedeutung verleihe. Luxus wird still, wenn er sich nicht zur Schau stellen muss, wenn seine Essenz eher gefühlt als gezeigt wird. In meinem Privatleben schätze ich dasselbe: zeitlose Objekte und natürliche Materialien.
M. Ë Welche Art von Bildern wünschen Sie sich für das nächste Jahrzehnt – in einer visuellen Welt, die immer lauter und schneller wird?
A. H. Ich hoffe, wir sehnen uns nach Bildern, die uns zum Innehalten einladen – die uns zum Fühlen auffordern, anstatt einfach nur zu konsumieren. Werke, die langsam nachwirken – wie ein Nachgeschmack oder ein Echo, statt nur ein Blitz zu sein.
Stillness
A staircase rises, echoing the climbs we make.
At its height, the figure leans toward the earth—
a gesture that can be read as release, or as reflection.
Between ascent and pause, the work leaves space for new meanings to unfold.
In Anouk Harts Universum ist Licht eine Sprache und Stille ihre Syntax. Jedes Foto besitzt die Präzision einer Skulptur und die Emotion eines Atemzugs – Momente, die zu ihrer reinsten Essenz destilliert sind. Ihre Linse verwandelt das Greifbare in Transzendentales: Eine Falte aus Seide wird zur Landschaft, eine Geste wird architektonisch, ein Schatten brummt vor Leben. Was bleibt, ist nicht Spektakel, sondern Präsenz – eine Einladung zum Sehen, zum Innehalten, zum Spüren der stillen Opulenz der Aufmerksamkeit. Durch ihre Arbeit erinnert uns Hart daran, dass wahrer Luxus nicht in dem liegt, was hinzugefügt wird, sondern in dem, was verfeinert, zurückhaltend und tiefgründig gesehen wird.