Bill Amberg
Architekt des Leders
Wenn es um Leder geht, kommt man an Bill Amberg nicht vorbei. Seit über vier Jahrzehnten definiert der in London ansässige Designer und Handwerker die Rolle des Materials in der zeitgenössischen Architektur neu und hinterfragt dabei Vorstellungen von Maßstab, Funktion und Form. Von edlen Accessoires bis hin zu maßgefertigten Möbeln und Inneneinrichtungen verkörpert sein Studio Design durch Handwerk – und Handwerk als Design – stets mit einem tiefen Respekt für Materialität, Können und dem Objekt. Im Gespräch mit Maison Ë gewährt Bill Amberg Einblicke in seine fortwährende Vision für seine Arbeit.
Maison Ë Sie sind in Northampton aufgewachsen, einer Stadt mit einer langen Tradition in der Schuhherstellung und Heimat bekannter Namen wie Church Footwear. Haben Sie das Gefühl, dass Sie irgendwie prädestiniert waren – oder sogar dazu bestimmt –, mit Leder zu arbeiten?
Bill Amberg Ich würde sagen, es war eher ein glücklicher Zufall. Ich war kein akademischer Typ, aber meine Eltern ermutigten mich, Dinge zu entwerfen und zu gestalten, und dieses Vertrauen war grundlegend. Meine Mutter war Architektin – sie hatte für Alvar Aalto in Finnland gearbeitet – und mein Vater, ein leidenschaftlicher Handwerker, arbeitete für ein Aufzugs- und Rolltreppenunternehmen. Zu Hause – bei meinen Eltern und meinem Großvater – hatten wir zwei Werkstätten, sodass eigentlich immer gerade etwas im Entstehen war. Und Leder war jenes Material, das in Northampton zur Verfügung stand – damals war es überall zu finden. Als Junge streifte ich in den schulfreien Zeit über Märkte, um nach Lederresten zu suchen, mit denen ich experimentieren konnte.
M.Ë Wie haben Sie es geschafft, die Aufgabe zu meistern – Leder nicht nur als Material, sondern als lebendige Sprache zu verstehen?
B.A. Nach der Schule war klar, dass ich nicht zur Universität gehen würde, also reiste ich durch Australien und Neuseeland und arbeitete unterwegs für verschiedene Lederhandwerker:innen. Ich beherrschte zwar die Grundlagen, aber mir fehlte die Disziplin, um das Material vollständig zu erfassen. In Adelaide stellte mir mein Cousin einen erfahrenen Lederhandwerker in der Jam Factory vor – einem multidisziplinären Atelier, in dem Keramiker:innen, Drechsler:innen und Weber:innen arbeiten. Ich verbrachte ein Jahr dort, lernte traditionelle Techniken und entwickelte eine Liebe zum Leder. Mein Mentor ermutigte mich immer wieder, zu experimentieren – zu färben, zu formen, Schmuck und kleine Skulpturen herzustellen – und diese Freiheit faszinierte mich wirklich.
M.Ë Wann wurde Ihnen klar, dass dies eine echte Karriere werden könnte?
B.A. Als ich 1983 nach England zurückkehrte, richtete ich ein kleines Atelier im Südosten Londons ein und begann, Taschen herzustellen – die sinnvollste Art, Geld zu verdienen. Zufällig gefielen Paul Smith meine Arbeiten, und bald stellte ich Taschen für ihn, Liberty und JOSEPH her. In den folgenden zehn Jahren, als die Marken eigene Teams für Accessoires aufbauten, konzentrierte ich mich auf meine eigenen Exporte, hauptsächlich nach Japan. Gleichzeitig erhielt ich kleine Aufträge für Böden, Handläufe und andere Innenausstattungselemente. Diese Architekturtätigkeit entwickelte sich parallel zu meiner Arbeit mit Accessoires.
„Die Menschen interessieren sich für das
Handwerk, nicht nur in der Lederverarbeitung, und ich glaube, dass dieser Trend weiter zunehmen wird.“
M.Ë Sie begannen damit, Taschen für Paul Smith, Liberty und JOSEPH zu fertigen, fanden sich aber schon bald an der Seite des Designers Ron Arad wieder, mit dem Sie Tische entwickelten. Was, glauben Sie, vermag Leder in Innenräumen und in der Architektur zu schaffen, was kein anderes Material leisten kann?
B.A. Historisch gesehen umfasst die Lederverarbeitung die Buchbinderei, Sattlerei, Schuhmacherei, Kofferherstellung und Polsterei – jede Disziplin mit ihrer eigenen Kultur, ihren eigenen Techniken und Materialien. Ich begann mich dafür zu interessieren, diese in verschiedenen Räumen neu zu interpretieren, was ich auch heute noch tue: Ich nehme etwas aus der Buchbinderei und übertrage es auf einen architektonischen Maßstab oder etwas aus der Sattlerei auf die Polsterei – und mache dasselbe mit den Materialien. Leder ist unglaublich vielseitig.
M.Ë Ihre Projekte reichen von der Superyacht Maltese Falcon über die mit Leder verkleidete Fumoir-Bar im Claridge’s bis hin zu den Sitzplätzen im Hörsaal der Royal Academy of Arts und den Queen’s Diamond Jubilee Galleries in der Westminster Abbey. Wie hinterlassen Sie Ihre eigene unverwechselbare Handschrift bei so unterschiedlichen Aufträgen?
B.A. Jedes Projekt hat einen anderen Ausgangspunkt – eine Person, eine Marke, eine Vision – und es ist wichtig, diesen zu verstehen. Das beeinflusst alles. Dennoch habe ich einen Stil: einfach, zurückhaltend, materialorientiert und handwerklich hochwertig. Das ist der rote Faden, der sich durch alles zieht, was wir tun. Wir sind Expert:innen im Nähen und Formen und haben im Laufe der Jahre mit so vielen Materialien gearbeitet – wir haben sie geschnitzt, gegossen, geformt –, dass diese Techniken für uns zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Das bedeutet, dass jede noch so komplexe Idee verwirklicht werden kann.
M.Ë Ihr Atelier ist das Reich der maßgeschneiderten Kreationen – Objekte, die es nicht in Geschäften gibt, sondern nur in den Träumen ihrer Kund:innen. Wie organisiert man so etwas?
B.A. Als ich intensiv in Japan arbeitete, war Sōri Yanagi eines meiner Designvorbilder. Er hatte ein Studio, aber auch eine Werkstatt, in der Prototypen sowohl direkt auf der Werkbank als auch auf Papier entwickelt wurden. Von da an beschäftigte ich mich intensiv mit dieser Idee des „Entwerfens durch Herstellen”. Unsere Designer:innen und Handwerker:innen arbeiten Seite an Seite und sind in allen Techniken geschult – Nähen, Formen, Färben, Vergolden, Prägen. Ideen entwickeln sich durch Herstellen, Überarbeiten und Verfeinern – und in diesem Prozess entstehen Details und etwas wirklich Schönes nimmt Gestalt an.
„Eines der wichtigsten Kriterien bei
der Auswahl von Leder ist die Haptik.“
M.Ë Im Laufe der Jahre haben Sie viele Möglichkeiten der Verwendung von Leder erforscht. Wo würden Sie heute am ehesten empfehlen, es zu verwenden?
B.A. Als wir in den 1980er-Jahren begannen, Fußböden aus Leder herzustellen, hatten viele soetwas seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Plötzlich wurden sie sehr beliebt, und die Leute begannen, ungeeignete Materialien für Fußböden zu verwenden. Jetzt kommen die Kund:innen zurück und fragen nach der richtigen Art von Oberfläche. Inzwischen stellen wir Teppiche, Läufer und gekachelte Böden her – jeweils mit Materialien, denen wir vertrauen. Wir verkleiden auch Wände in Kinos, was für Wärme und eine hervorragende Akustik sorgt. Ich empfehle meinen Kund:innen intime Räume mit Leder zu gestalten – ein Arbeitszimmer, einen Schreibtisch, einen ruhigen Ort zum Nachdenken –, in denen das Material wirklich gut zur Geltung kommt.
M.Ë Als Meisterhandwerker und Designer, der mit Architekten wie David Chipperfield, Norman Foster und Renzo Piano zusammengearbeitet hat: Wie gestalten Sie diese Zusammenarbeit, um das volle Ausdruckspotenzial von Leder sichtbar zu machen – und es von einem Material zu einem wesentlichen Bestandteil einer architektonischen Vision zu transformieren?
B.A. Architekt:innen möchten oft Leder verwenden, wissen aber nicht genug über das Material, um dessen Möglichkeiten einschätzen zu können. Hier kommt unser Fachwissen ins Spiel. Die Menschen kommen zu uns wegen der Eleganz des Materials und der Raffinesse der Techniken; sie wollen etwas Reines und Handgefertigtes. Die Materialien, die wir verwenden, sind sehr nuanciert – sie sind gefärbt, nicht pigmentiert. Ich sage immer, dass eines der wichtigsten Kriterien bei der Auswahl von Leder die Haptik ist, denn der Gerber kann es seidig, kräftig, wachsartig, robust oder sexy machen. Es gibt so viele Veredelungsverfahren, die den Charakter des Leders komplett verändern können. So entsteht die Intimität des Materials, die bei anderen Textilien nur schwer zu finden ist.
M.Ë In der Welt des Leders gibt es unterschiedliche Regionen und Traditionen, ähnlich wie bei Weinen aus aller Welt. Welche Eigenschaften oder Entdeckungen haben Sie während Ihrer Erkundungen besonders beeindruckt, und was würden Sie aus jeder Region mitnehmen?
B.A. Leder ist ein uraltes Material – schon vor Tausenden von Jahren entdeckten die Menschen der Jungsteinzeit die pflanzliche Gerbung. Ich schätze auch, dass es ein Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie ist, wodurch es sehr regional geprägt ist. Die Gerber:innen eigneten sich ihr Fachwissen entsprechend der lokalen Ernährung an: In Frankreich wurden sie durch Kalbfleisch zu Meister:innen der Kalbslederherstellung, in Südspanien und Südwestfrankreich dominierten Schafe und Lämmer und so weiter. Ich arbeite nur mit einer Handvoll spezialisierter Gerbereien zusammen, die alle ihre Rohmaterialien streng geheim halten. Etwa 90 % dessen, was wir beziehen, ist pflanzlich gegerbt und stammt aus Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und Großbritannien – je nach Auftrag handelt es sich um Ziegen-, Kalbs- oder Lammleder.
M.Ë Erforschen Sie in Ihrer Arbeit neben traditionellem Leder auch neue Formen oder aus Leder gewonnene Materialien?
B.A. Wir bewahren alle unsere Abfallstoffe auf und werfen nichts weg. Aus unseren Lederresten haben wir zwei neue Oberflächenmaterialien entwickelt. Eines davon heißt „Stack“ – ein wunderschönes Material, das durch das Schneiden von Leder in Streifen und das Pressen dieser Streifen in eine Möbeloberfläche entsteht. Vor kurzem haben wir uns auch einen Lederterrazzo einfallen lassen und freuen uns darauf, bald ein Stück aus diesem Material zu sehen.
M.Ë Ihre ikonische „Rocket Bag” ist nun Teil der Dauerausstellungen im Victoria and Albert Museum in London und im Metropolitan Museum of Art in New York. Wie war es rückblickend, sein eigenes Werk in einem Museum zu sehen?
B.A. Es ist sehr schön, wenn die Arbeit in so bedeutenden Institutionen Anerkennung findet, aber das ist nichts, wonach ich strebe. Ich bin immer noch fasziniert vom nächsten Projekt. Ich betrachte meine Arbeit nicht als Kunst – ich bin Designer, Handwerker, Hersteller und habe eine leidenschaftliche Liebe zu diesem besonderen Material. Ich weiß, dass ich einzigartige, schöne Möbel herstelle, aber würde ich sie als Kunst bezeichnen? Nein.
M.Ë Glauben Sie, dass Handwerk heute mehr Beachtung findet als früher?
B.A. Wie Sie sagen, besteht heute weit mehr Interesse am Handwerk als vor 25-30 Jahren. Die Menschen interessieren sich für die manuelle Herstellung in vielen Bereichen, nicht nur für die Lederverarbeitung, und ich glaube, dass dieser Trend weiter zunehmen wird. Ich engagiere mich sehr für Projekte, junge Menschen auszubilden und ihnen Chancen zu eröffnen. Derzeit baue ich ein nationales Programm für Lederhandwerk in ganz England auf, das sich an diejenigen richtet, die in der traditionellen Schule oder im akademischen Bereich vielleicht nicht so glänzen, und ihnen die Möglichkeit gibt, eine Karriere außerhalb des Büros zu verfolgen.