11. August 2026

Guerlain und der Luxus
der Erfahrung

Fashion and Beauty

Es gibt Menschen, die eine Marke verwalten – und Menschen, die an sie glauben. Kerstin Groh gehört unmissverständlich zur zweiten Gruppe. Als Managing Director von Guerlain Österreich trägt sie Verantwortung für eines der ältesten Luxushäuser der Welt – gegründet 1828, mit über 1.100 Duftkompositionen und ikonischen Kreationen wie Shalimar, Mitsouko und L’Heure Bleue. Wahrer Luxus ist eine Erfahrung, wie sie im Gespräch mit Maison Ë erläutert, die die Sinne berührt und das Leben bereichert.

Kerstin Groh, Geschäftsführerin von Guerlain Österreich

Maison Ë Luxus ist in den vergangenen Jahren zunehmend schneller, sichtbarer und performativer geworden. Guerlain hingegen wirkt weiterhin ruhig, emotional und fast entschleunigt. Wie definieren Sie modernen Luxus heute?

Kerstin Groh Eine interessante Beobachtung, und ja, viele Luxusmarken haben in den letzten Jahren tatsächlich auf Sichtbarkeit, Geschwindigkeit und ständige Aufmerksamkeit gesetzt, während Guerlain als kontemplativer Luxus gilt: emotional, zeitlos und persönlich. Gerade in einer Welt permanenter Reizüberflutung könnte man sagen, dass moderner Luxus nicht mehr das ist, was Aufmerksamkeit erzeugt, sondern das, was Aufmerksamkeit verdient. Das erklärt auch, warum Guerlain trotz aller Veränderungen für viele Menschen weiterhin zeitgemäß wirkt – die Marke verkauft nicht nur Produkte, sondern vermittelt Emotionen, Handwerkskunst und Zeitlosigkeit.

Für mich bedeutet moderner Luxus heute nicht mehr in erster Linie Besitz oder Sichtbarkeit, sondern die Freiheit, bewusst zu wählen, wie man seine Zeit und Aufmerksamkeit nutzt. In einer Welt, die immer schneller, lauter und performativer wird, empfinde ich Ruhe, Qualität und Beständigkeit als die eigentlichen Luxusgüter.

M. Ë Duft ist vermutlich die emotionalste Kategorie innerhalb des Luxus – unsichtbar und gleichzeitig unglaublich präsent. Warum besitzen Düfte eine so starke Verbindung zu Erinnerung und persönlicher Identität?

K. G. Die Verbindung zwischen Düften, Erinnerungen und persönlicher Identität ist faszinierend und tief in uns Menschen verwurzelt. Unser Geruchssinn ist einzigartig, da Geruchsinformationen direkt zum limbischen System des Gehirns gelangen. Dieses System wiederum ist eng mit Emotionen, Gedächtnis und Motivation verbunden. Das ist einer der Gründe, warum ein Duft so einzigartig und emotional ist.

Bei einem Duft geht es primär um die Macht der Assoziationen: Jeder Duft, den wir erleben, wird mit dem Kontext in Verbindung gebracht, in dem er wahrgenommen wird – sei es ein besonderes Ereignis, eine Person, ein Ort oder eine bestimmte Stimmung. Diese Assoziationen werden im Gehirn gespeichert. Wenn wir den Duft später wieder riechen, können diese Erinnerungen und die damit verbundenen Emotionen wiederbelebt werden, oft mit großer Lebendigkeit. Ein bestimmter Duft kann uns augenblicklich in die Kindheit zurückversetzen oder uns an einen geliebten Menschen erinnern.

Der Duft ist ebenfalls Ausdruck der Persönlichkeit. Daher ist die Wahl eines Duftes eine sehr persönliche Entscheidung. Ein Duft, den wir tragen, wird zu einem Teil unserer Identität und signalisiert anderen, wer wir sind oder wie wir uns fühlen. Er kann unsere Stimmung beeinflussen, unser Selbstvertrauen stärken und unsere Präsenz untermauern. Daher wählen viele Menschen Düfte sorgfältig aus, um eine bestimmte Facette ihrer Persönlichkeit zu unterstreichen oder eine bestimmte Aura zu erzeugen. Der Duft wird zu einem unsichtbaren, aber mächtigen Accessoire.

„In einer Welt permanenter Reizüberflutung könnte man sagen, dass moderner Luxus nicht mehr das ist, was Aufmerksamkeit erzeugt, sondern das, was Aufmerksamkeit verdient.“

Kerstin Groh, Managing Director, Guerlain Austria

M. Ë Die Beauty-Welt war lange von Jugendlichkeit geprägt. Heute scheint sich der Fokus stärker in Richtung Ausstrahlung, Gesundheit und Selbstfürsorge zu verschieben. Was bedeutet Schönheit persönlich für Sie heute?

K. G. Ich sehe diese Entwicklung in der Beauty-Welt nicht nur als einen Trend, sondern als eine tiefgreifende und sehr positive Transformation. Der traditionelle Fokus auf die reine Jugendlichkeit, oft getrieben von einem Ideal der Makellosigkeit, weicht einem viel umfassenderen und menschlicheren Verständnis von Schönheit. Für mich persönlich bedeutet Schönheit heute vor allem Ausstrahlung und Authentizität, denn wahre Schönheit kommt von innen. Es geht nicht darum, ein Altersbild zu imitieren oder vermeintliche Makel zu verbergen, sondern darum, die eigene natürliche Ausstrahlung zu kultivieren. Das bedeutet, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen, eine positive Energie auszustrahlen und authentisch zu sein.

Es geht um Gesundheit und Vitalität – Schönheit ist untrennbar mit Gesundheit verbunden. Eine gesunde Lebensweise, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und der Schutz vor schädigenden Umwelteinflüssen sind die Grundpfeiler wahrer Schönheit. Die Haut, die Haare, die Augen – alles spiegelt wider, wie wir uns fühlen und wie wir mit unserem Körper umgehen. Beauty-Produkte sind dabei wichtige Verbündete, die diese Gesundheit unterstützen und schützen. Ich glaube fest daran, dass Schönheit mit dem Alter wächst und sich verändert, aber niemals schwindet. Es ist die Eleganz, die aus Erfahrungen, Weisheit und innerer Zufriedenheit resultiert. Die Spuren des Lebens auf der Haut sind keine Makel, sondern Ausdruck einer gelebten Geschichte. Es geht darum, diese Reife zu umarmen und sie mit Stolz zu tragen.

M. Ë Auch Leadership hat sich verändert – besonders innerhalb der Luxusbranche. Wie viel emotionale Intelligenz braucht moderne Führung heute – und was hat Ihre eigene Karriere Sie darüber gelehrt?

K. G. Ich würde sagen, moderne Führung braucht heute deutlich mehr emotionale Intelligenz als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Fachliche Kompetenz und Entscheidungsstärke bleiben wichtig, reichen aber allein nicht mehr aus. Moderne Führungskräfte müssen Teams durch Unsicherheit, Veränderung und eine zunehmend komplexe Arbeitswelt begleiten können. Für mich bedeutet emotionale Intelligenz dabei nicht, immer verständnisvoll oder konfliktvermeidend zu sein. Vielmehr geht es darum, Menschen zu verstehen, Stimmungen wahrzunehmen, klar zu kommunizieren und auch schwierige Entscheidungen respektvoll zu vermitteln. Die besten Führungskräfte schaffen Vertrauen, weil sie sowohl Orientierung geben als auch echtes Interesse an den Menschen hinter den Rollen zeigen.

Die Zeiten, in denen Führung ausschließlich durch Autorität, Hierarchie und rein rationale Entscheidungen definiert wurde, sind längst vorbei. Besonders in der Luxusbranche, wo Emotionen, Ästhetik und die menschliche Verbindung eine so zentrale Rolle spielen, ist emotionale Intelligenz heute nicht nur wünschenswert, sondern absolut essenziell.

Meine eigene Karriere hat mich gelehrt, dass die Fähigkeit, zuzuhören, zu beobachten und sich in andere hineinzuversetzen, unschätzbar wertvoll ist. Beziehungen und Glaubwürdigkeit sind in einer Führungsposition Schlüsselfaktoren und ich denke, emotionale Intelligenz ist deshalb kein „Soft Skill“ mehr, sondern längst eine Kernkompetenz moderner Führung. Ohne sie lassen sich Talente kaum langfristig binden, motivieren oder entwickeln.

„Wahrer Luxus ist eine Erfahrung, die die Sinne berührt, die Seele nährt und das Leben bereichert.“

Kerstin Groh, Managing Director, Guerlain Austria

M. Ë Künstliche Intelligenz verändert Kommunikation, Kreativität und Konsumverhalten. Kann Technologie mit emotionalem Luxus koexistieren – oder gibt es eine Grenze, die ein Haus wie Guerlain nicht überschreiten sollte?

K. G. Technologie, insbesondere KI, kann emotionalen Luxus bei Guerlain verstärken, indem sie Personalisierung und maßgeschneiderte Erlebnisse ermöglicht, Service-Exzellenz fördert, Innovationen vorantreibt und beim Storytelling hilft.

Allerdings gibt es klare Grenzen: KI darf niemals die menschliche Kreativität, Expertise und Empathie ersetzen, die das Herzstück von Guerlain bilden. Die Authentizität und ‚Seele‘ der Produkte, die aus menschlicher Inspiration entstehen, müssen stets gewahrt bleiben. Transparenz im Umgang mit KI und die Vermeidung einer Entmenschlichung des Kundenerlebnisses sind entscheidend, um Vertrauen zu erhalten und die emotionale Bindung zur Marke nicht zu gefährden.

M. Ë Guerlain ist über Generationen hinweg relevant geblieben. Was verstehen Menschen Ihrer Meinung nach immer noch grundsätzlich falsch an wahrem Luxus?

K. G. Die anhaltende Relevanz von Guerlain über so viele Generationen hinweg ist für uns ein Beweis dafür, dass wir ein tiefes Verständnis dessen haben, was wahren Luxus ausmacht. Oftmals sehe ich jedoch, dass Menschen ein eher oberflächliches oder materielles Verständnis von Luxus haben, was die eigentliche Essenz verfehlt.

Viele verbinden Luxus primär mit einem hohen Preis, übertriebener Opulenz oder dem demonstrativen Zeigen von Reichtum. Das mag eine Facette sein, aber es ist bei Weitem nicht das Kernstück. Wahrer Luxus ist nicht laut; er flüstert. Er findet sich in der Qualität, der Geschichte und der Erfahrung, nicht nur im Preisschild. Es geht nicht darum, zu zeigen, was man sich leisten kann, sondern darum, zu wissen, was man wertschätzt. Wahrer Luxus ist eine Erfahrung, die die Sinne berührt, die Seele nährt und das Leben bereichert – oft auf leise, aber unglaublich bedeutsame Weise. Es ist das Wissen, etwas Besonderes zu besitzen, das mit Leidenschaft, Präzision und Respekt geschaffen wurde.

TEXT
Taskin Yüksel
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Barbara Loschan
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