Gut gemacht,
alter Knabe!
Während Burberry sein 170-jähriges Jubiläum feiert, kann seine berühmteste Kreation auf ein ungewöhnlich ereignisreiches Leben zurückblicken. Der Trenchcoat hat das Britische Empire, zwei Weltkriege, die Swinging Sixties, Punk und die Logomania sowie den Aufstieg der sozialen Medien miterlebt. Er hat die Arktis und den Südpol bereist, ist durch Schützengräben marschiert und hat die Kinoleinwand erobert. Nicht schlecht für einen einfachen Regenmantel.
(Aus dem Archiv) „Sobald man ihn schon aus einer Meile Entfernung sieht, weiß man Bescheid.“ „Ich glaube, es ist diese Kombination aus Geschichte und Tradition.“ „Er ist wie eine Kraft.“ „Er ist ikonisch und unglaublich sexy.“ „Er vermittelt Selbstbewusstsein.“ „Irgendwie definiert er dich.“ „Das ist es, was etwas für immer und ewig und ewig und ewig bestehen lässt …“ Die Stimmen stammen von Models, Schauspieler:innen, Musiker:innen und Sportler:innen – allesamt Teil der Burberrys Kampagne Portraits of an Icon zum 170-jährigen Jubiläum. Gemeinsam zeichnen ihre Aussagen ein Bild, das weit über ein Kleidungsstück hinausgeht: Sie erzählen von der Faszination, der Nostalgie und dem kulturellen Stellenwert, den der Trenchcoat nach mehr als einem Jahrhundert getragenen Daseins erlangt hat.
Fotografiert vom legendären Fotografen Tim Walker in intimen Schwarz-Weiß-Porträts, gehören zur Besetzung Modeikonen wie Kate Moss und Kendall Jenner, die Schauspielerinnen Teyana Taylor und Kristin Scott Thomas, die Rapperin Little Simz, der Tennisspieler Jack Draper und viele mehr. Wenn man ihnen zuhört, wie sie Burberrys berühmten Trenchcoat beschreiben, fällt etwas Merkwürdiges auf: Fast niemand erwähnt die Verwendung wetterfester Stoffe, militärische Fortschritte oder technische Innovationen. Stattdessen sprechen sie über Selbstbewusstsein, Identität und Haltung.
Das wirft wiederum eine interessante Frage auf: Wann wird Funktionskleidung zur Mode? Warum inspiriert ein Mantel, der ursprünglich für Militäroffiziere entworfen wurde, weiterhin Meinungsmacher:innen auf der ganzen Welt? Warum taucht er Jahrzehnt für Jahrzehnt auf jeder Liste der Kleiderschrank-Essentials auf? Und wie wurde eine geniale Lösung für schlechtes Wetter zu einem der beständigsten Symbole der Mode?
Der Burberry-Trenchcoat: Schutz vor Wind und Wetter und zugleich eine Leinwand für den persönlichen Ausdruck.
Typisch britisch
Diese sehr britische Geschichte beginnt, wie es sich gehört, mit Regen. Im Gegensatz zu vielen anderen Luxusmarken entstand Burberry nicht in einem glamourösen Atelier in irgendeiner Hauptstadt dieser Welt. Bevor er sein Unternehmen gründete, absolvierte Thomas Burberry eine Ausbildung im Textilhandel als Lehrling bei einem Tuchhändler und lernte das Geschäft von der Pike auf. Als er 1856 sein erstes Geschäft in Basingstoke, Hampshire, eröffnete, war er gerade einmal 21 Jahre alt. Burberrys Ziel war bemerkenswert praktisch: Kleidung zu schaffen, die dem notorisch unberechenbaren britischen Wetter standhalten konnte. Denn die Briten verbringen erstaunlich viel Zeit im Freien – obwohl eigentlich vieles dafürspricht, drinnen zu bleiben. Regen gehört zum Alltag, die schweren Wollkleidungsstücke des 19. Jahrhunderts waren unbequem, und die vorhandenen wasserdichten Stoffe neigten dazu, Wärme und Feuchtigkeit einzuschließen.
1879 führte Burberry Gabardine ein, einen innovativen, wetterfesten Stoff. Die Garne wurden bereits vor dem Weben behandelt, sodass der Stoff Regen abweisen konnte und gleichzeitig atmungsaktiv blieb. Typischerweise in einer dicht gewebten Köperbindung gefertigt, bot Gabardine eine leichtere und angenehmere Alternative zu den gummierten, wasserdichten Stoffen jener Zeit. Sein besonderes Genie lag in den winzigen Zwischenräumen im Gewebe, die eine natürliche Belüftung ermöglichten. Dieser innovative Stoff wurde zum Fundament, auf dem Burberry seinen Ruf aufbaute.
Menschen mit wichtigeren Anliegen
Lange vor den heutigen Modekampagnen wurde Burberry mit Menschen in Verbindung gebracht, die sich um weitaus Dringlicheres als um Stilfragen kümmern mussten. Entdecker:innen nutzten Gabardine für Expeditionen in einige der rauesten Umgebungen der Erde. Der erste dokumentierte Polarforscher, der Burberry in die Arktis mitnahm, war der norwegische Abenteurer und spätere Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen.
Sir Ernest Shackleton trug Burberry während seiner Antarktis-Expeditionen, während sowohl Roald Amundsen als auch Captain Robert Falcon Scott bei ihrem Wettlauf zum Südpol auf Burberry-Zelte und -Oberbekleidung vertrauten. Nur wenige Marken können von sich behaupten, dass beide Seiten eines der berühmtesten Entdeckungswettläufe der Geschichte auf dieselbe Ausrüstung vertrauten.
Später sollte Burberry einen weiteren Meilenstein begleiten: 1919 trugen Kapitän John Alcock und Leutnant Arthur Brown Burberry-Fluganzüge, als sie den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik absolvierten. Die frühen Botschafter des Unternehmens waren also keine Prominenten, sondern Männer, die die Grenzen der menschlichen Ausdauer austesteten. Nur wenige Marketingabteilungen würden es wagen, eine Geschichte zu erfinden, in der Polarexpeditionen, Minustemperaturen und Überleben eine Rolle spielen. Burberry musste das nicht. Es war bereits Realität.
Mit Liebe zum Detail
Der Trenchcoat selbst entstand aus einem weiteren prägenden Kapitel der Geschichte. Sein Vorgänger, der Tielocken-Mantel, wurde 1912 von Thomas Burberry patentiert. Während des Ersten Weltkriegs versorgte Burberry Offiziere mit Mänteln, die leichter und funktionaler waren als traditionelle Militäroberbekleidung, und das Design entwickelte sich zu dem, was wir heutzutage als Trenchcoat kennen. Elemente, die heute dekorativ wirken, waren ursprünglich Lösungen für konkrete Probleme. Epauletten zeigten den Rang an. D-Ringe dienten zur Befestigung von Ausrüstung. Sturmklappen boten zusätzlichen Schutz vor Regen und Wind.
Seinen Namen verdankt der Mantel den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, in denen britische Offiziere den Mantel unter den denkbar schwierigsten Bedingungen trugen. Mehr als ein Jahrhundert später sind seine militärischen Ursprünge noch immer in Details sichtbar, über die sich die meisten Tragenden wohl kaum Gedanken machen.
Beste Nebenrolle
Der Wandel des Mantels von einer militärischen Notwendigkeit zu einer kulturellen Ikone vollzog sich allmählich. Das Kino spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Humphrey Bogart trug einen in Casablanca. Audrey Hepburn und Marlene Dietrich trugen ihre in Frühstück bei Tiffany und Eine ausländische Affäre. In der Ära des Film noir wurde der Trenchcoat zur inoffiziellen Uniform von Detektiven, Journalisten, Spionen und geheimnisvollen Fremden, die an nebligen Bahnhöfen auftauchten. Wenn ein Drehbuch Intelligenz, Intrigen oder emotionale Komplexität erforderte, trug am Ende meist jemand einen Trenchcoat.
Modemagazine greifen jedes Jahr die ultimativen Kleiderschrank-Essentials auf. Die Liste verändert sich dabei selten: ein weißes Hemd, eine gute Jeans, ein maßgeschneideter Blazer, ein kleines Schwarzes oder ein perfekt geschnittener Anzug. Marken kommen und gehen, Meinungen gehen auseinander, aber dann kommt der fünfte Punkt. Trommelwirbel: der Trenchcoat. Und hier endet die Debatte so gut wie immer. Der Burberry-Trenchcoat definiert diese Kategorie.
Anders als die meisten Modeklassiker sind diese Mäntel nicht an eine bestimmte Generation gebunden. Viele Menschen erben ihren Trenchcoat, anstatt ihn zu kaufen. Ein gut gearbeiteter Trenchcoat wird oft von den Eltern an die Kinder weitergegeben und taucht gelegentlich Jahrzehnte später wieder auf, wobei er sich in einem völlig anderen Modekontext überraschend wohlfühlt. Über das Reparatur- und Restaurierungsprogramm „ReBurberry“ des Unternehmens können Kund:innen ihre Burberry-Produkte reinigen, reparieren und auffrischen lassen – ein sinnvoller Service für Kleidungsstücke, die oft alt genug sind, um selbst schon einige Geschichten gesammelt zu haben. Nur wenige Luxusartikel können eine ähnliche Langlebigkeit vorweisen.
Verborgene Schönheiten
Das wahre Talent des Trenchcoats liegt in seiner Fähigkeit, sich fast überall anzupassen. Er wirkt ebenso selbstverständlich an einem Filmstar auf dem Weg zur Premiere wie an einer Architektin, die durch Kopenhagen radelt, oder an einem Studenten, der an einem verregneten Dienstagmorgen schnell zum nächsten Laden läuft. Die Mode ist bekanntlich geradezu besessen vom Neuen. Der Trenchcoat hingegen erinnert uns seit mehr als einem Jahrhundert daran, dass manche Ideen bereits voll ausgereift auf die Welt kommen.
Doch selbst der beste Hauptdarsteller braucht eine unvergessliche Nebenbesetzung: in diesem Fall den Burberry-Check. In den 1920er-Jahren als Futter für die Regenmäntel eingeführt, blieb das heute für das Unternehmen charakteristische Karomuster jahrelang verborgen. Dann, im Jahr 1967, hatte eine Verkäuferin in der Pariser Burberry-Filiale eine geniale Idee, als sie eine Präsentation für den britischen Botschafter vorbereitete. Sie entfernte das karierte Futter aus einem Mantel und verwendete den Stoff, um Gepäck zu verhüllen und eine Regenschirmhülle anzufertigen. Den Kund:innen fiel das auf und schon bald hatte sich der Check aus dem Inneren des Mantels befreit und eine bemerkenswert erfolgreiche Solokarriere gestartet. Vielleicht sogar eine etwas zu erfolgreiche. Das Muster wurde kopiert, gefälscht und auf nahezu jedem erdenklichen Produkt reproduziert.
Einst Sinnbild für diskreten britischen Luxus, war der Check Anfang der 2000er-Jahre derart allgegenwärtig, dass er selbst die Marke zu überstrahlen drohte. Burberry brauchte Jahre, um das eigene Image behutsam neu auszubalancieren – ein Prozess, der unter den aufeinanderfolgenden Kreativdirektoren Christopher Bailey, Riccardo Tisci und heute Daniel Lee fortgeführt wurde. Lees Ansatz ist dabei vor allem eine Rückbesinnung auf die Grundlagen. Statt nach einem völlig neuen Burberry zu suchen, konzentriert er sich auf jene Elemente, die das Haus von Anfang an geprägt haben: britische Identität, Handwerkskunst, Outerwear und jener Geist des Abenteuers, der die Marke seit jeher auszeichnet.
Diese Perspektive kommt in der diesjährigen Jubiläumskampagne besonders deutlich zum Ausdruck. Schwarz-Weiß-Porträts zeigen Schauspieler:innen neben Musiker:innen, Sportler:innen neben Models. Die Besetzung umfasst verschiedene Generationen, Berufe und Kontinente. Was sie verbindet, ist jene gewisse, undefinierbare Coolness, für die Burberry international bekannt ist.
Nach 170 Jahren ist der Burberry Trenchcoat nach wie vor auf den ersten Blick erkennbar – sowohl für Menschen, die wenig von Mode verstehen, als auch für diejenigen, die vielleicht ein wenig zu viel darüber wissen. Er hat Kriege, wechselnde Geschmäcker, kulturelle Neuerfindungen und unzählige Prognosen darüber überstanden, wie eine moderne Garderobe auszusehen hat. In der Mode wird Beständigkeit selten belohnt; ihr Geschäftsmodell hängt vom Wandel ab. Doch hin und wieder entzieht sich ein Kleidungsstück diesem Kreislauf. Der Trenchcoat hat das geschafft. Die meisten Trends können von Glück sagen, wenn sie eine Saison überleben. Dieser hat zwei Weltkriege, mehrere Generationen von Mode-Redakteur:innen und die frühen 2000er-Jahre überstanden.