22. Juli 2026

Bitossi
Die nächste Ära italienischer Keramik

Art and Design

In den Brennöfen von Bitossi nahmen die legendären Keramik-Totems von Ettore Sottsass erstmals Gestalt an. Siebzig Jahre später hält Ginevra Bitossi, die vierte Generation der Familie, die Flamme italienischer Handwerkskunst und Innovation am Leben.

(Keramik) Was verbindet die Arbeiten von Designer:innen und Architekt:innen wie Patricia Urquiola, Karim Rashid, Matteo Thun, Formafantasma, Dimore Studio, Faye Toogood und Max Lamb? Ihre kreativen Wege führen alle zu Bitossi Ceramiche.

Nur eine kurze Autofahrt von Florenz entfernt, eingebettet in die toskanische Landschaft, hat dieses Familienunternehmen einige der größten Namen des Designs unter einem Dach vereint. Die Liste beginnt mit dem legendären Ettore Sottsass, der für seinen Anti-Design-Ansatz, die mutige Farbgebung und als Gründungsmitglied der Memphis-Gruppe bekannt wurde, einem Kollektiv postmoderner Möbel-, Textil- und Keramikdesigner:innen der 1980er-Jahre.

In Montelupo, dem historischen Zentrum des italienischen Keramikhandwerks, ist die Familie Bitossi seit dem 15. Jahrhundert ein fester Bestandteil der Gemeinde. 1921 gründete Guido Bitossi die Manifattura Maioliche Artistiche Guido Bitossi und legte damit den Grundstein für ein Unternehmen, in dem Tradition bald mit künstlerischer Forschung verschmelzen sollte. Ein entscheidender Wendepunkt kam in den 1950er-Jahren mit der künstlerischen Leitung von Aldo Londi, der Bitossi in eine neue Ära führte. Gemeinsam mit Ettore Sottsass machte er die Keramik zu einem ausdrucksstarken Medium des italienischen Designs der Nachkriegszeit.

Heute wird dieses Erbe nicht nur in den Werkstätten des Unternehmens fortgeführt, sondern auch durch die Fondazione Vittoriano Bitossi und ihr Archivmuseum. Letzteres versteht sich als lebendiger Fundus, der Designer dazu einlädt, sich mit mehr als einem Jahrhundert an Formen, Farben und gestalterischer Experimentierfreude auseinanderzusetzen. An der Spitze des Bitossi-Kosmos fördert Ginevra Bitossi den kontinuierlichen Dialog zwischen Tradition und zeitgenössischem Design.

Ginevra Bitossi wuchs in Montelupo Fiorentino auf, umgeben von den Farben und Geschichten dieses traditionsreichen Ortes. Nach ihrem Studium in Mailand und London stieg sie 2014 bei Bitossi Ceramiche ein und leitet das Unternehmen heute als CEO.

MAISON Ë  Sie vertreten nach Ihrer Mutter die vierte Generation der Familie Bitossi an der Spitze der traditionsreichen, über hundert Jahre alten Manufaktur. Wie sind Sie in diese Rolle hineingewachsen, und wie haben Sie dem Unternehmen eine zeitgemäße und internationale Ausrichtung verliehen?

GINEVRA BITOSSI Ich bin umgeben von den Farben, Materialien und Geschichten von Montelupo Fiorentino aufgewachsen. Nach meinem Studium am Marangoni in Mailand und am Central Saint Martins in London trat ich 2014 in das Unternehmen ein und begann zunächst bei Bitossi Home. Einige Jahre später übernahm ich die künstlerische Leitung bei Bitossi Ceramiche und vor kurzem die Rolle der CEO. Bitossi ist ein facettenreiches Ökosystem, das organisch zusammenwirkt: Die Manufaktur bewahrt das handwerkliche Savoir-faire, die Marke übersetzt diese Identität in zeitgenössisches Design, und die Stiftung schützt unser historisches Archiv und unterstützt gleichzeitig die Forschung für die neue Generation.

In Montelupo, dem historischen Zentrum der italienischen Keramikkunst, reicht das Erbe der Familie Bitossi bis ins 15. Jahrhundert zurück.

M. Ë Die historischen Kollektionen Bitossis reichen von der Rimini Blu Line, die Aldo Londi entwarf, bis zu den ikonischen Totems von Ettore Sottsass und umfassen spätere Kooperationen mit anderen Gründer:innen der legendären Memphis-Gruppe. Wie haben diese Designs die kreative Entwicklung des Unternehmens geprägt?

G. B. Der in Montelupo Fiorentino geborene Aldo Londi war Maler, Bildhauer und Keramiker. Mehr als fünfzig Jahre lang prägte er Bitossi – zunächst als künstlerischer Leiter, später als kreativer Wegbegleiter und Gestalter. Seine technische Meisterschaft und künstlerische Sensibilität, kombiniert mit einer natürlichen Neugier, prägten eine ausdrucksstarke Handschrift, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Ettore Sottsass: kräftige Farben, skulpturale Formen und ein ständiger Drang zum Experimentieren. Sie sind nach wie vor Eckpfeiler unserer Identität und, im weiteren Sinne, des italienischen Designs. Ihr Geist leitet uns auch heute noch, nicht als Vorbild, das es zu imitieren gilt, sondern als Haltung der Freiheit und Forschung, die wir in jede neue Kollektion einfließen lassen.

M. Ë In einer Zeit, in der Collectible Design die Grenzen zwischen Gebrauchsobjekt und Skulptur zunehmend verschwimmen lässt: Was prägt die Kollektionen, die Sie gemeinsam mit führenden zeitgenössischen Designerentwickeln?

G. B. Inspiriert von der Beziehung zwischen Aldo Londi und Ettore Sottsass hat meine Mutter, Cinzia Bitossi, unsere Beziehungen zu zeitgenössischen Designer:innen aufgebaut und gestärkt. Als ich die Leitung von Bitossi Ceramiche übernahm, war es für mich selbstverständlich, diesen Weg fortzusetzen und nach neuen gestalterischen Stimmen zu suchen. Gerade diese Vielfalt ermöglicht es uns, Keramiken – und die Geschichten, die sie erzählen – aus unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Perspektiven zu entwickeln. Genau dieses Spannungsfeld interessiert und inspiriert uns.

Ich bevorzuge Designer:innen, die Neugier und Respekt für das gestalterische Potenzial mitbringen. Jede Zusammenarbeit beginnt mit einem privaten Besuch in unserer Stiftung und unserem historischen Archiv, wo jede:r Künstler:in unsere Formen, Farben und handwerklichen Techniken studiert, bevor er bzw. sie selbige durch eine eigene zeitgenössische Brille neu interpretiert. Dieses Experimentieren schafft eine gemeinsame Sprache und stellt sicher, dass sich jedes Projekt für Bitossi und die Designer:innen authentisch anfühlt.

M. Ë Bitossi arbeitet mit Marken wie Gucci, Supreme und Fornasetti sowie mit Galerien und Institutionen zusammen und entwickelt limitierte Kollektionen vom Entwurf bis zur Produktion. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen der Kreation exklusiver Stücke und dem Design von erschwinglicherem Geschirr und Wohnaccessoires für Bitossi Home?

G. B. Bitossi Ceramiche arbeitet hauptsächlich mit Designer:innen zusammen und legt den Schwerpunkt auf Forschung und Experimentieren im Bereich des Collectible Designs. Dagegen arbeitet Bitossi Home mit einem breiteren Spektrum an Kreativen zusammen – Grafikdesigner:innen, Modedesigner:innen, Illustrator:innen –, die die Ästhetik der Marke für ein Lifestyle-Publikum neu interpretieren.

Auch die Produktion unterscheidet sich: Die eine folgt den Rhythmen der handwerklichen Keramikherstellung, die andere ist auf den internationalen Vertrieb ausgerichtet. Dennoch teilen beide die gleichen Grundwerte: Authentizität, eine ausgeprägte ästhetische Sensibilität und tiefen Respekt vor der Handwerkskunst.

 

„Ich bevorzuge Designer:innen, die Neugier und Respekt für das gestalterische Potenzial mitbringen.“

Ginevra Bitossi
In den 1950er-Jahren führte Aldo Londi Bitossi Ceramiche in eine neue Ära. Gemeinsam mit Ettore Sottsass prägte er die Keramik neu und machte sie zu einer ausdrucksstarken, mutigen Sprache des italienischen Designs der Nachkriegszeit.
Entworfen von Ettore Sottsass für Bitossi Ceramiche, spielt dieses Objekt mit übereinandergeschichteten Volumen, weichen geometrischen Formen und markanten Farbkontrasten.

M. Ë Welche handwerklichen Techniken sind für Bitossi besonders prägend?

G. B. Wir arbeiten mit Ton in all seinen Formen – weiß, rot, hitzebeständig oder flüssig. Unsere Tone und Farben stammen von Colorificio Colorobbia, das mein Großvater Cavaliere Vittoriano Bitossi Ende der 1940er-Jahre innerhalb derselben Manufaktur gegründet hat. Colorobbia hat seine Wurzeln in Montelupo und sich zu einem internationalen Unternehmen entwickelt, das bis heute von meiner Familie geführt wird. Aus derselben Materie formen, schnitzen, gravieren, stanzen, trocknen, bemalen und brennen unsere Handwerker:innen jedes einzelne Stück. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir ein hochspezifisches Know-how im Umgang mit Engoben, farbige Glasuren und strukturierte Oberflächen entwickelt.

Farben haben mich schon immer fasziniert – wegen ihrer unendlichen Nuancen und ihrer emotionalen Kraft. Bei Bitossi Ceramiche und Bitossi Home erkunde ich sie auf unterschiedliche Weise, aber mit derselben Neugier. Ich habe keine Angst, mit Farben zu spielen – mir macht das eher Freude.

M. Ë Sie haben technische Innovationen wie den 3D-Druck eingeführt – aber gibt es bestimmte Fertigungstechniken, die Sie auf keinen Fall aufgeben möchten?

G. B. Ja, das Drehen von Hand auf der Töpferscheibe, bestimmte Techniken des Gravierens und Glasierens sowie die haptischen Oberflächen, die unter Aldo Londi entwickelt wurden. Diese Verfahren lassen sich industriell nicht reproduzieren. Sie zu bewahren bedeutet, die Seele des Unternehmens zu bewahren.

 

Ein Einblick in die Werkstatt von Bitossi Ceramiche in Montelupo.
Diese Vasen sind Teil der Kollektion „Onda“ des belgischen Designstudios Muller Van Severen für Bitossi Ceramiche.

M. Ë Welche Initiativen haben Sie ergriffen, um die nächste Generation von Handwerker:innen in Montelupo auszubilden?

G. B. Mein Großvater hat sich sehr für diese Aufgabe engagiert, und ich bin entschlossen, sie fortzuführen. Wir arbeiten mit anderen lokalen Werkstätten, Colorobbia und der Gemeinde Montelupo Fiorentino zusammen, um die einzigartige Keramikkultur der Region zu bewahren und zu fördern. Dies führte zur Eröffnung eines Ausbildungs- und Innovationszentrums für Keramik, das nun in unseren historischen Räumlichkeiten untergebracht ist. Viele der jungen Handwerker:innen, die in unserer Manufaktur arbeiten, stammen aus dieser Schule, und einige der Lehrenden sind ehemalige Meisterhandwerker:innen von Bitossi, die sich nach ihrer Pensionierung entschlossen haben, ihr Fachwissen weiterzugeben.

M. Ë Ihre Stiftung ist nach Ihrem Großvater Vittoriano Bitossi benannt. Welche Rolle spielt sie und welche Bedeutung messen Sie ihr bei?

G. B. Die Stiftung bewahrt unser historisches Archiv – über 7.000 Keramiken, Dokumente, Prototypen und Formen – und macht es für Forschungszwecke zugänglich. Außerdem veranstaltet sie Ausstellungen, veröffentlicht Studien und entwickelt Kulturpartnerschaften. Für mich ist sie zugleich das Gedächtnis von Bitossi und ein lebendiges Instrument, um neue Ideen hervorzubringen. Alle unsere Kooperationen mit Designerbeginnen hier: mit einer privaten Führung durch das Archiv, bei der sie Inspiration aus dem Erbe des Unternehmens schöpfen können. Formafantasma ließ sich beispielsweise von Aldo Londis Projekt „Lastra” inspirieren: Die Risse an den Rändern der Vasen und die Dicke des Materials sind direkt von Londis Originalentwürfen übernommen.

M. Ë Die Stücke von Ettore Sottsass sind heute bei Sammler:innen sehr begehrt. Können Sie uns erzählen, wie Sie Ihre Archivsammlung weltweit zusammenstellen und wiederaufbauen, und haben Sie jemals Bitossi-Stücke wiederentdeckt, von deren Existenz Sie nichts wussten?

G. B. Das Team der Stiftung steht täglich in Kontakt mit großen Auktionshäusern, Sammler:innen und Galerien weltweit, um historische Stücke aufzuspüren und zu erwerben. Manchmal tauchen außergewöhnliche Objekte auf – einzigartige Prototypen, vergessene Kooperationen oder frühe Werke von Sottsass. Dank der Beziehungen, die wir im Laufe der Zeit aufgebaut haben, werden uns diese Stücke oft vorab präsentiert. So zeigte uns beispielsweise ein Auktionshaus in Mailand einige Stücke von Aldo Londi, noch bevor sie in den Katalog aufgenommen wurden. Wir haben sie gekauft und später herausgefunden, dass diese Werke als Unikate für eine Sonderausstellung in der Triennale unter der Leitung von Ettore Sottsass hergestellt worden waren. Das macht uns unglaublich stolz, da es den kulturellen und historischen Wert der Stiftung und des Vittoriano Bitossi Archiv-Museums unterstreicht.

Dank der in unserem Archiv aufbewahrten historischen Dokumente – darunter Aldo Londis Arbeitsnotizbücher – können wir die Echtheit solcher Stücke überprüfen. Bis in die 1970er-Jahre wurde die Markierung auf der Unterseite eines Keramikgegenstands mit dem jeweiligen Kunden vereinbart: Es konnte sich um einen alphanumerischen Code, eine Serienabkürzung oder ein „B“ für Bitossi handeln. Zusätzlich zu diesen verschiedenen Markierungen wurde immer das Herkunftsland – Italien – angegeben.

M. Ë Wer sind heute die größten Liebhaber:innen von Bitossi?

G. B. Sammler:innen, Designgalerien und Institutionen sind nach wie vor unverzichtbar, insbesondere für unsere historischen Stücke und Kooperationen mit zeitgenössischen Designer:innen. Gleichzeitig entdeckt eine neue Generation von Designliebhabenden Bitossi durch Ausstellungen, Archive und die Geschichte des italienischen Handwerks. Ein eindrucksvolles Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit Supreme: Die Tatsache, dass eine Streetwear-Marke auf uns zugekommen ist, um Rimini Blu – eine unserer ikonischsten Kollektionen – neu zu interpretieren, zeigt, wie sehr diese Liebhaber:innen sich für Marken interessieren, die lokale Handwerkskunst und authentische Produktion verkörpern und gleichzeitig mutig und zeitgemäß sind.

Diese Vasen sind Teil der Kollektion „Onda“ des belgischen Designstudios Muller Van Severen, die für Bitossi Ceramiche entworfen wurde.
TEXT
Juliette Sebille
FOTOGRAFIE
Daniel Civetta
Matteo Bianchessi
Piergiorgio Sorgetti
PR
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