Serge Lutens —
Zwischen Licht und Schatten

Fashion and Beauty

Für Serge Lutens, dem ikonischen französischen Künstler und Parfümeur, ist Schönheit kein Ideal, sondern ein leiser Fluss aus Erinnerung, Überraschung und Transformation. Sie entsteht in den Pausen, den Brüchen, in Momenten, die den Blick verlangsamen und uns sanft auffordern, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Obwohl der Meister heute zurückgezogen in Marrakesch lebt und eigentlich keine Interviews mehr gibt, konnte Maison Ë ihm ein paar Worte entlocken.

SERGE LUTENS HAT SEIN LEBEN DAMIT VERBRACHT, WELTEN ZU SCHAFFEN, DIE ALLE SINNE ANSPRECHEN.

(Interview) In Interviews bleibt der heute 82-Jährige zurückhaltend, beinahe rätselhaft. Mit Metaphern und spirituelle Bilder vermittelt er ein Gefühl, spricht nicht nur von dem Schönen, sondern auch vom Hässlichen. Dabei bleibt er sich selbst und seinem Stil immer treu.

Maison Ë Ist Schönheit für Sie ein Gefühl, ein Geist oder ein Fakt?

Serge Lutens Sie kann aus allen dreien bestehen. Aber ebenso interessant wie die Schönheit ist das, was als hässlich gilt. Schönheit und Hässlichkeit existieren nur durch unseren momentanen Blick, und dieser verändert sich mit der Zeit. Manchmal brauchen wir Brüche. Hässlichkeit kann ein Weg sein, um Schönheit zu erreichen – ich denke da etwa an die Gemälde von George Grosz. Darin liegt eine gewisse Gewalt, eine andere Art, Schönheit zu zeigen. Das Leben ist weder sanft noch schmeichelnd – und wenn es das ist, wird es sentimental. Und das ist ein Makel.

M. Ë Ist Schönheit dafür da, Geschichten zu erzählen?

S. L. Dafür gibt es kein Rezept. Schönheit zu definieren, hieße, sie zu verraten. Denn um lebendig zu bleiben, muss sie uns überraschen, erschüttern, unseren Blick verändern – auch auf die Gefahr hin, ihre ursprüngliche Funktion zu verlieren. Und erst dann beginnt sie, uns etwas zu erzählen.

M. Ë Ihre Werke scheinen stets auch ein Stück Ihrer eigenen Geschichte zu erzählen – welche Erinnerungen, Emotionen oder Erfahrungen fließen in Ihre Kreationen ein?

S. L. Sie sind stets das Resultat vieler gelebter Erfahrungen. Ich habe vieles durchgemacht: den Krieg, seine Nachwirkungen, die Narben. Schönheit ist kein Pflaster, sie ist eine Therapie. Sie ist aber auch Gewalt und ein elektrischer Schock.

M. Ë Welche Rolle spielt Erinnerung in Ihrer Arbeit? Ist sie für Sie ein ästhetisches Echo des gelebten Lebens?

S. L. Vor allem ist sie die Quelle unserer Ursprünge und die Schönheit eines ihrer Produkte.

M. Ë Wie haben Sie Ihre Visionen entwickelt?

S. L. Vision entsteht wie eine stille Übereinkunft, die sich allmählich einstellt. Meine Sinne erwachen und lassen sich vom Duft leiten. Dann setzt die Erinnerung ein und führt zu einem Ja oder Nein. Vom „aktiven“ Individuum zu sprechen, wenn man über Kreativität spricht, ist falsch. Wir sind passiv. Und das Wort „Arbeit“ in Zusammenhang mit Kreation zu bringen, ist reine Häresie. Wenn man die Arbeit sieht, dann sieht man sie eben auch. Und das ist Verrat. Es impliziert den Luxus einer gewissen Freiheit – doch kann sich diese jeder selbst gewähren? Tyrannei bricht oder stärkt das Individuum. Freiheit dagegen macht es weich, sie verwandelt es in eine Marionette. Was mich betrifft: Die Hölle hat mein Paradies erschaffen.

M. Ë Ihre Ästhetik lebt von Kontrasten – vom Wechselspiel aus Licht und Schatten, aus Harmonie und Störung. Ist es für Sie gerade dieser Gegensatz, der Schönheit erst Bedeutung verleiht?

S. L. Schönheit bewegt, sie verstört. Man ist oft überrascht, wenn man merkt, dass aus einer tiefen Abneigung plötzlich eine aufrichtige Zuneigung entsteht.

M. Ë Betrachten Sie Ihre Kreationen als Kunst?

S. L. Ich habe meine Arbeit nie als Kunst verstanden, sondern vielmehr als Notwendigkeit. Meine Art, Schönheit zu erschaffen, hat nichts mit Verschönerung zu tun. Meine Kreation ist meine Kreatur. Ich habe schon immer eigenwillige, unverwechselbare Gesichter geliebt. Gesichter, deren Schönheit andere vielleicht als störend empfanden, weil sie nicht der Norm entsprachen.

M. Ë Kreativität kann zugleich beglücken und belasten. Was empfinden Sie als die größte Bürde im schöpferischen Prozess – und wann erleben Sie Momente der tiefsten Bereicherung?

S. L. Der bereicherndste Teil ist der Weg selbst. Er kann voller Hindernisse sein, doch das spielt keine Rolle, solange er von Überzeugung getragen ist. Das Schwierigste ist oft die Reaktion der Menschen, denen man ein fertiges Projekt zeigt. Man kann damit überraschen, schockieren oder provozieren. Das kann mitunter sehr undankbar sein. Man fühlt sich plötzlich angegriffen, gedemütigt. Manchmal gibt es Applaus. Das ist ein beglückender Moment. Doch für mich ist Kritik eigentlich immer anregender: Sie nährt jene leidenschaftliche Hassliebe, die jede Kreation braucht. Je t’aime moi non plus.

“Meine Arbeit ist stets das Resultat
vieler gelebter Erfahrungen.”

In den 1960er Jahren arbeitete Serge Lutens als Haar- und Make-up-Künstler für die Vogue und legendäre Fotografen wie Richard Avedon.

M. Ë Gibt es für Sie so etwas wie zeitlose Schönheit? Welche Rolle spielt der Kontext in der kreativen Arbeit?

S. L. Paradoxerweise brauchte es Zeit, bis zeitlose Schönheit überhaupt existieren kann. Wenn man etwa an Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ denkt, ein Werk, das 1907 selbst seine engsten Freunde entsetzte, und es heute im MoMA in New York sieht, erkennt man, dass Zeit die Wahrnehmung verändert. Das ist auch das Talent des Schöpfers: Um seinen eigenen Wunsch zu überwinden, muss man ihn töten, um eine neue Vision zu offenbaren. Doch Vorsicht: Wenn bestimmte Bezugspunkte zu globalen Schönheitskanons werden, verwandeln sie sich schnell in eine Falle. Die „Mona Lisa“ zum Beispiel. Ich finde sie furchtbar langweilig, und doch ist sie weltberühmt.

M. Ë Ist so etwas wie visuelle Innovation heute überhaupt noch möglich?

S. L. Wenn Schönheit dem gefälligen Ton einer Violine gleicht, zu dem alle tanzen, dann interessiert sie mich nicht. Schönheit ist ein Hilferuf, nicht die glatte, uniforme Neuheit, die unsere Gesellschaft heute hervorbringt. Wenn man versucht, unvereinbare Ideen zu vereinen, endet man in einem chaotischen Reigen.

M. Ë Können Duft, Make-up oder ein Bild wie ein Ritual wirken? Transformierend für den, der es trägt oder betrachtet?

S. L. Ja, ich glaube, sie haben diese Macht. Sich zu frisieren, sich zu schminken, sich gut zu kleiden – das erschafft ein Gefühl. Leider verschwindet dieses Empfinden immer mehr.

M. Ë Woran liegt das?

S. L. Das Fehlen eines festen Bezugspunkts ist ein echtes Problem: der Tod Gottes, wie Nietzsche sagte, und der falsche Begriff von Freiheit, Positivität und Gleichheit, der uns eingepflanzt wurde – für mich ein Aufruf zum Laisser-faire. Dies führt zu einem kläglichen Spektakel, in dem sich paradoxerweise jeder dem anderen überlegen wähnt. Um das zu durchbrechen, braucht es das Bewusstsein unserer eigenen Leere und den Willen, dem Nichts zu entkommen.

LUTENS' KARRIERE VERBINDET BILD, RAUM, HAUT UND DUFT ZU EINER EINZIGARTIGEN VISION.
Text
Laura Dunkelmann
Fotografie
Laid Liazid

Francesco Brigida

GettyImages
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