Die unsichtbare
Architektur des Duftes
MAISON Ë richtet den Blick auf eine Architektur, die sich erst offenbart, wenn wir die Augen schließen. Düfte werden zu stillen Baumeistern: Sie formen Stimmungen, tragen Erinnerungen, weben Emotionen in Wände und Zwischenräume. Zwischen alten Ritualen und neuen, KI-gestützten Technologien entsteht eine moderne Duftkultur, die das Unsichtbare zurück in den Mittelpunkt rückt – als ein wesentliches Material, das Räume nicht nur gestaltet, sondern beseelt.
Hören Sie „Die Luft, die wir schaffen“
(Duft)An einem Wintermorgen in der Therme Vals in der Schweiz, wenn man in eines der beheizten Becken von Peter Zumthor gleitet, sollte man erst einmal die Augen schließen und tief einatmen. Vor dem Hintergrund von Stein und Licht steigt Wärme auf, die Mineralien und die zarte Süße alpiner Kräuter mit sich trägt. Es sind Düfte, die den Körper beruhigen, den Puls verlangsamen und den Geist fokussieren. Hier ist die Luft ebenso bewusst komponiert wie der Valser Quarzit, der die Architektur des Spas umrahmt. Stufen führen hinunter in ein kühles Bad, das mit Blütenblättern übersät ist. Die Wände verströmen Aromen, die an mittelalterliche Blumenbäder erinnern, die einst mit Kamille und Rosmarin bestreut waren. Feuchtigkeit, Temperatur und Licht verschmelzen zu einer ganzheitlichen Sinneserfahrung. Zumthor schrieb, dass Atmosphäre entsteht, wenn ein Gebäude Emotionen weckt; in Vals bewegt sich Emotion durch die Luft.
Architektur wurde lange Zeit vor allem durch das Sehen – Proportionen, Material, Beleuchtung – betrachtet, doch eines ihrer überzeugendsten Materialien ist unsichtbar. Denn der Geruch gelangt direkt zum emotionalen Zentrum des Gehirns und erreicht das limbische System, lange bevor die Logik einsetzt.
Der Proust-Effekt
Dieser sogenannte Proust-Effekt – benannt nach dem Schriftsteller, dessen Kindheit durch den Geruch einer mit Tee getränkten Madeleine zurückkehrte – offenbart den Geruchssinn als wahres Gedächtniswerkzeug. Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen immer wieder, dass durch Düfte hervorgerufene Erinnerungen lebendiger und emotionaler sind als visuelle.
Duft verbindet den physischen Raum unmittelbar und lebhaft mit der Erinnerung: Der Geruch von Beton nach dem Regen oder der warme Duft von Sandelholz in einer schummrigen Bar können ganze Gefühlsgeschichten hervorrufen. Diese Intimität verleiht dem Duft eine enorme architektonische Kraft. Er gibt dem Neuen Vertrautheit, der Strenge Wärme und dem Globalisierten Besonderheit. Die errichtete Welt atmet aus, und wir atmen sie wieder ein.
Der Dialog zwischen Duft und Architektur erstreckt sich über Jahrtausende. Lange vor unserer Zeit wurde in Tempeln „olfaktorische Identitäten” durch den Einsatz bestimmter Düfte konzipiert. In Ägypten verbrannten Priester Kyphi – Honig, Myrrhe, Wacholder und Wein – und zeigten so ihre Hingabe durch aromatischen Rauch. In jüdischen und christlichen Ritualen erfüllte Weihrauch aus Frankincense, Stacte, Onycha und Galbanum die Heiligtümer und füllte die Luft mit Ehrfurcht.
In diesen Räumen wurde Parfüm zur Seele der Architektur. Rauchschwaden stiegen auf und schlängelten sich durch die Säulen, wobei sie das Heilige durch Dunst und Licht abgrenzten. Die Gläubigen trugen die Spuren auf ihren Gewändern, der Duft der Frömmigkeit haftete noch lange nach dem Gebet an ihnen.
Peter Zumthor schrieb, dass Atmosphäre
entsteht, wenn ein Gebäude Emotionen
weckt; in Vals bewegt sich Emotion
durch die Luft.
Luft als Material
Heute wird Duft wieder als Mittel zur Gestaltung von Atmosphäre geschätzt, und dieselbe Sensibilität prägt auch das zeitgenössische Design. Was einst Priestern und Parfümeur:innen vorbehalten war, hat nun Eingang in das Vokabular einer wachsenden Nische von Raumduftdesigner:innen gefunden.
Auf allen Kontinenten behandelt eine neue Generation von Duftdesigner:innen die Luft wie ein Künstler seine Leinwand. Das in Melbourne gegründete und von New York bis Tokio tätige Unternehmen Air Aroma komponiert Duftsysteme, die auf Emotionen ausgerichtet sind und über Raumlufttechnik verbreitet werden. Die Parfümeur:innen und Branding-Spezialist:innen des Unternehmens arbeiten gemeinsam an Düften, die Identität und Stimmung vermitteln und so konzipiert sind, dass sie lange anhalten, ohne aufdringlich zu sein. In Tokio realisiert AT-AROMA seine „Aroma Space”-Projekte mit unvermischten natürlichen Ölen und ordnet Düften Licht, Textur und Form zu. Ihre immateriellen Installationen, die in Kaufhäusern, Spas und Unternehmenszentralen in ganz Japan und darüber hinaus zu finden sind, betrachten Luft als einen Akt der Atmosphäre.
Untersuchungen bestätigen dies und zeigen, dass ein kunstvoll komponierter Duft die Markenerinnerung um 15 % steigert und zu einem längeren Verweilen im Einzelhandel animiert. Die Hotellerie war ein früher Anwender dieser Technologie. Luxushotels arbeiten seit langem mit namhaften Parfümeuren zusammen, um charakteristische Düfte für ihre Häuser zu kreieren – Aman mit Jacques Chabert, Standard Hotels mit Air Aroma und EDITION Hotels mit Le Labo, um nur ein paar zu nennen.
Über die Spitzenklasse des Gastgewerbes hinaus finden Duftkonzepte für Wohn- und Arbeitsräume zunehmend Beachtung. Der weltweite Markt für Duftkonzepte, dessen Wert im Jahr 2024 auf über 11 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, wächst jährlich um mehr als 7 %.
Raum geht über das Physische hinaus.
Er atmet, schwingt mit und schwebt
durch die Luft, tritt in einen Dialog
mit Licht, Klang und Duft.
Neben Büros und Wohnungen eignen sich auch Reise- und Transiträume besonders gut für Düfte, die Komfort und Ruhe vermitteln. So wird in den Premium-Lounges von Air France AF001 verwendet, ein charakteristischer Duft, der Entspannung hervorrufen soll. Der Kempegowda International Airport in Bengaluru hat „Dancing Bamboo” eingeführt, einen beruhigenden Duft, der in Zusammenarbeit mit dem in Mumbai ansässigen Aromastudio Aéromé entwickelt wurde, um den Komfort der Passagier:innen in wichtigen Bereichen des Terminals zu verbessern. Im Automobilsektor bietet Mercedes-Benz in seinen Limousinen der S-Klasse ein „aktives Parfümierungssystem” an, mit dem Besitzer:innen den Duft des Autos über einen eingebauten Duftzerstäuber individuell anpassen können.
Mit Blick auf die Zukunft der Raumbeduftung treiben neue Trends in der KI die Personalisierung von Raumdüften voran und verändern die Art und Weise, wie Umgebungen unsere individuellen sensorischen Profile ansprechen. Innovative Systeme wie das Modell „Odor Generative Diffusion” des Institute of Science Tokyo verwenden Massenspektrometrieprofile und Duftdeskriptoren, um autonom individuelle Duftmischungen zu kreieren.
Das Xuelei Fragrance Museum in Guangzhou, China wendet eine parallele Innovation auf die gebaute Umwelt an und verwandelt Düfte in Erlebnisse: Besucher:innen erhalten beim Eintritt eine „Duftkarte”, die ihr individuelles Geruchsprofil erfasst. Im gesamten Museum analysieren KI-gestützte Installationen die Reaktionen auf verschiedene Düfte und passen die Duftumgebung in Echtzeit an, um die Interaktion und emotionale Resonanz zu verbessern. Diese Initiativen deuten auf immersive, reaktionsfähige Erlebnisse hin, die bald aus dem Labor und der Kunstwelt in permanente architektonische Umgebungen Einzug halten könnten, wodurch Düfte sich weiter von der Zierde zum Wesentlichen entwickeln.
Während funktionelle Düfte zu einer milliardenschweren Industrie heranwachsen, entdeckt die Architektur – zusammen mit den kulturellen und kommerziellen Erlebnissen, die sie umrahmt – wieder, was Rituale und Handwerk einst instinktiv wussten: Raum geht über das Physische hinaus. Er atmet, schwingt mit und schwebt durch die Luft, tritt in einen Dialog mit Licht, Klang und Duft. In diesem Zusammenspiel der Sinne offenbart die unsichtbare Architektur ihre Tiefe und führt uns durch Atmosphären, die uns sowohl durch ihre sinnliche Präsenz als auch durch ihre wahrnehmbare Form bewegen.