BorromeodeSilva —
Die Restomod Flüsterer
In der Welt der europäischen Sammlerautos in Kleinstserie gibt es kaum einen Namen, der mehr Gewicht hat als das Mailänder Designstudio BorromeodeSilva. Seit dem Debüt des Automobili Amos Lancia Delta Futurista im Jahr 2018 gilt das Studio als angesagteste Adresse für Restomod-Design. Doch was macht den Erfolg wirklich aus? Maison Ë geht der Sache auf den Grund.
The Restomod Whisperers – Teil 1
(Restomods) Es ist Mittagszeit bei BorromeodeSilva (BDS) und ich sitze mit dem gesamten Studioteam von etwa zehn Personen an einem riesigen Konferenztisch. Wir essen Salate aus Plastikschalen, die fünf Minuten zuvor noch in einem örtlichen Carrefour gekauft wurden. Gleichzeitig spielen wir Spiele auf einem riesigen 100-Zoll-Fernseher.
Das Ziel: erraten, wo und wann ein bestimmtes Bild aufgenommen wurde. Es gibt nur wenige Hinweise, deshalb tüftelt das ganze Team gemeinsam an der Lösung. Nach einem Foto von der Wall Street in New York aus den 1920er-Jahren erscheint schließlich ein vertrautes Bild: Warschau, Chmielna-Straße 120, vor dem Hauptquartier der Stadtpolizei. Als Veteran von Strafzetteln erkenne ich Ort und Jahr sofort richtig – 1995. Volle Punktzahl. Das Team jubelt!
Bevor wir beginnen, werfen wir einen kurzens Blick auf die Büroräume. Es ist schwer, an dem gigantischen Moodboard aus Objekten vorbeizusehen, von denen eines cooler ist als das andere. Hier steht ein Dinosaurier-Ei neben einem Paar Motocross-Handschuhen. Dort teilt sich ein Formel 1-Lenkrad den Platz im Regal mit einem Löwenschädel (keine Panik, es ist eine Antiquität aus einer inzwischen geschlossenen Schule). Ein an die Wand genageltes Modell eines Lancia Delta S4 fühlt sich in einem Raum, der mit einem vom Studio entworfenen Paddleboard aus Carbonfaser, Pralinen in Autoform von BDS, einem auf dem Boden liegenden hufeisenförmigen Bugatti-Kühlergrill und einem großen Vintage-Olympia-Ruderboot – das Borromeo von seiner Frau, der Modedesignerin Marta Ferri, als Hochzeitsgeschenk geschenkt wurde –, das inzwischen in eine Lampe verwandelt wurde, gänzlich zu Hause. Auf der Marmortreppe sind verschiedene Bücher sorgfältig arrangiert, ebenso wie Skulpturen von Benedict Radcliffe und Chris Labrooy. Das Büro trägt die Spuren jahrelangen Sammelns – eindrucksvoll, zugleich aber mühelos kuratiert.
Was genau ist ein Restomod?
All das, so farbenfroh der Hintergrund auch sein mag, ist letztlich nebensächlich. Gegründet von zwei Freunden aus Kindertagen, die mit einem kleinen Team an einem einzigen langen Tisch begannen – heute Borromeos Schreibtisch (übrigens arbeiten all diese Menschen immer noch für das Unternehmen) –, BDS für drei der begehrtesten Autos Europas verantwortlich: den Automobili Amos Lancia Delta Futurista, den auf dem Porsche 928 basierenden Nardone und den Eccentrica, der auf dem Chassis der ersten Generation des Lamborghini Diablo aufgebaut ist.
Ich frage Borromeo, der nicht nur Creative Director bei BDS, sondern auch Sprecher des Unternehmens ist, was das Geheimnis dieser Erfolgsgeschichte sei. „Es gibt kein Geheimrezept“, sagt er und zitiert dabei Kung Fu Panda. „Nur eine Reihe von Komponenten, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammengefunden haben.“
Die Geschichte beginnt mit Borromeos Freundschaft zu Eugenio Amos – einem italienischen Rennfahrer, Unternehmer und Oldtimer-Sammler. Eines Tages saßen die beiden zusammen und amüsierten sich über die Idee, dass Amos’ Name wie eine Automarke klinge. Während sie mit diesem Gedanken spielten, wies Amos – selbst Stammgast bei der Rallye Dakar – auf den Erfolg des kalifornischen Unternehmens Singer Vehicle Design und dessen restomodifizierten Porsche hin. „Wenn ein Brite das in Kalifornien mit einem deutschen Auto hinbekommt“, bemerkte er, „stell dir nur vor, was eine Gruppe Italiener mit einem italienischen Auto anstellen könnte.“ Damit war der Funke entzündet. Jetzt musste nur noch das richtige Auto ausgewählt werden.
„Wir beginnen damit, die Proportionen sorgfältig und wohlüberlegt zu überarbeiten, das Auto aggressiver und zeitgemäßer zu gestalten und sicherzustellen, dass wir alle Materialien entfernen, bei denen in der Vergangenheit Kompromisse eingegangen wurden.“
Machen wir hier eine kurze Pause. Um das Konzept der Restomods zu verstehen, liefert Singer ein besonders anschauliches Beispiel. Die Idee entstand aus einer kraftvollen Mischung aus Nostalgie und einer typisch amerikanischen Tradition des Autotunings – oft mit dem Ziel nach mehr Geschwindigkeit.
Seine Wurzeln liegen in der autobegeisterten „Atomic Age“-Generation der Nachkriegszeit und der ursprünglichen Babyboomer. Diese Kultur wurde eindrucksvoll in George Lucas’ American Graffiti festgehalten: junge Menschen, die die alternden Fords, Mercurys und Chevrolets ihrer Großväter individualisierten – als Ausdruck persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit von etablierten Regeln. Die großen Hersteller erkannten diesen Wunsch bald und reagierten mit der Ära der Muscle-Cars, bevor sich dieser Impuls später zu einer Form des Tunings entwickelte, und weitgehend losgelöst vom Motorsport war.
All dies findet seinen vollendeten Ausdruck in der heutigen Restomod-Szene. Ein Restomod ist nicht einfach ein Auto das hinsichtlich Leistung oder Komfort auf den neuesten Stand gebracht wurde, sondern eines, das die kulturelle Bedeutung einfängt, die ein bestimmtes Fahrzeug für diejenigen hat, denen es besonders am Herzen liegt.
„Ein gutes Beispiel dafür ist der Lamborghini Diablo, ein Auto, das in vielen Kinderzimmern an der Wand hing“, sagt Borromeo. „Er sieht aus wie das schnellste Raumschiff im Universum. Aber wenn man heute versucht, ihn heute zu fahren …“ Er hält inne. „Nun, man sagt ja nicht umsonst, man sollte seine Helden niemals treffen! Was wir mit unserem Diablo-Restomod erreichen wollen, ist, den Menschen den Traum zurückzugeben, den sie einst von diesem Auto hatten – jetzt, da sie es sich vielleicht leisten können. Und dafür zu sorgen, dass ihre Vorstellung dieser Maschine mit der Realität übereinstimmt.“
Das eigentliche Geheimrezept
BorromeodeSilva agiert als One-Stop-Agentur, deren Tätigkeitsfeld weit über das Autodesign hinausgeht und Produktentwicklung sowie integrierte Kommunikations-, Marketing- und Vertriebsdienstleistungen umfasst. Diese Bandbreite zeigt sich nicht nur in der Wand voller Logos, die das Büro schmücken, sondern auch in dem umfangreichen Portfolio hinter Borromeos Schreibtisch – mit Projekten, die von Booten und Brillen über Möbel bis hin zu einem Kühlschrank reichen.
Interessant ist dabei, dass weder Borromeo noch de Silva direkt für das Design der hier erwähnten Autos verantwortlich sind. Zwar sind beide Partner ausgebildete Designer und das gesamte Team bringt während des gesamten Prozesses Ideen ein, doch ihre Rollen sind eher leitender als praktischer Natur. Im Fall von de Silva ist es vor allem das Produktdesign – mehr noch als das Automobildesign –, das das Studio trägt, wenn nicht regelmäßig neue Fahrzeugprojekte hereinkommen. Eine Herangehensweise, die er mit Filippo Sgalbazzi teilt, einem weiteren hoch angesehenen Produktdesigner im Team.
Das Team ist zudem bemerkenswert schlank aufgestellt. Marco Biancullo, Head of Design, übernimmt den Großteil der Arbeit an den Restomod-Projekten, die sich bei BDS in der Entwicklung befinden – sowohl im kreativen als auch im technischen Bereich. Andere Teammitglieder unterstützen unter anderem bei Aufgaben wie 3D-Modellierung, der Definition von Farb- und Materialkonzepten, der Erstellung von Marketinggrafiken sowie der Entwicklung von Social-Media-Strategien. Ich frage Biancullo, was es braucht, um die Form einer Ikone neu zu definieren – zum Beispiel den Porsche 928, eines Autos, das bereits bei seiner Markteinführung so aussah, als käme es direkt aus der Zukunft.
„Wir beginnen damit, die Proportionen sorgfältig und wohlüberlegt zu überarbeiten, um das Auto aggressiver und zeitgemäßer wirken zu lassen. Gleichzeitig achten wir darauf, alle Materialien zu entfernen, bei denen in der Vergangenheit Kompromisse eingegangen wurden – zum Beispiel minderwertigen Kunststoffe“, erklärt Biancullo. „Wir bereinigen das Design und lassen die eigentliche ‚Idee‘ des Autos stärker hervortreten. Das erreichen wir, indem wir das Auto minimalistischer gestalten – so wie wir es beim Nardone getan haben, um einen noch eleganteren GT-Cruiser zu schaffen, der mehr Leistung und ein intensiveres Fahrerlebnis verspricht. Wenn nötig, können wir auch bestimmte Eigenschaften stärker hervorheben wie etwa die popkulturelle Atmosphäre der Epoche, aus der das Original stammt, indem wir einfach moderne Technologie einsetzen.“
Ich frage ihn, ob er sich Sorgen macht, dass seine Arbeit als Sakrileg angesehen werden könnte, in dem Sinne, dass sie die Vision legendärer Designer wie Marcello Gandini, der den ursprünglichen Diablo entworfen hat, demontiert. „Nein“, antwortet Biancullo schnell. „Ich glaube, einmal hat jemand Gandini gefragt, ob er den Countach neu gestalten möchte. Seine Antwort war, dass er sich nicht für die Vergangenheit interessiere, sondern nur für die Zukunft. Deshalb würde er es nur unter einer Bedingung tun: Er dürfe machen, was immer er wolle – aber das Auto würde dem ursprünglichen Countach wahrscheinlich überhaupt nicht mehr ähneln. Der Investor war nicht interessiert.“
Die Kraft einer guten Geschichte
„Als Italiener aus Mailand leben wir in vielerlei Hinsicht in den Ruinen einer besseren Vergangenheit, daher wissen wir sehr gut, wie man Stil im Wandel der Zeit und die Kraft der Nostalgie versteht“, sagt Carlo Borromeo. Das mag erklären, wie BDS im Laufe der Jahre so viele kommerziell erfolgreiche Projekte auf den Weg bringen konnte.
Ein großartiger Restomod – sei es der Futurista, der Eccentrica oder der Nardone – definiert sich nicht nur durch Design und Technik; auch innovatives Storytelling ist entscheidend. „Das haben wir sehr schnell verstanden; als wir den Futurista gelauncht haben, stieg die Zahl der Follower:innen auf unserem Instagram-Account innerhalb einer halben Stunde von 8.000 auf 35.000. Wir wussten, dass wir etwas Wichtiges entdeckt hatten.“
Zunächst war das BDS-Team von diesem Erfolg selbst überrascht. Als Autodesigner hatten sie sich eigentlich vorgenommen, etwas Neues zu schaffen, anstatt bestehende Formen zu überarbeiten. Es wurde jedoch schnell klar, dass ihr Ansatz gerade deshalb so gut funktionierte, weil er authentisch in ihrer Mailänder Identität verwurzelt war. „Wir sind keine Rockstar-Designer, die alles nur auf ihre Art machen“, so Borromeo. „Wir passen uns der Vision unserer Kund:innen an, und genau das, was sie einbringen, macht die Geschichte jedes Autos einzigartig. Ein Franzose (Thierry Nardone), der sich in Porsches mit Transaxle-Getriebe verliebt hat, ist etwas völlig anderes als ein Lamborghini-Sammler aus San Marino (Emanuel Colombini, CEO der Colombini Group, Eigentümer von Febal Casa) oder ein Dakar-Fahrer aus Varese (Amos).“
Er zieht einen Vergleich zur Reaktion der Schweizer Uhrenindustrie auf die japanische Quarzinnovation, bei der man der gestiegenen Präzision nicht mit Nachahmung begegnete, sondern mit einer erneuten Betonung der mechanischen Handwerkskunst. „Wir wissen vielleicht nicht, wie man das beste Elektroauto in Europa baut oder wie man ein Auto als Dienstleistung anbietet“, sagt Borromeo. „Aber wir wissen verdammt gut, wie man einen überzeugenden Verbrenner baut, der vielleicht nicht schneller ist als das, was gerade aus China kommt, aber ein fantastisches Fahrerlebnis bieten kann.“
Borromeo betont außerdem, dass nicht jedes Auto für einen Restomod geeignet ist. Das Design muss kulturell relevant sein; es muss einen Platz in der Popkultur und in den Herzen der Menschen haben. Borromeo glaubt, dass die faszinierendsten Restomods theoretisch auf eher gewöhnlichen Autos basieren könnten. Das Hindernis sei jedoch wie so oft wirtschaftlicher Natur. Es ist unwahrscheinlich, dass Kunden 500.000 Euro für ihren Traum-Restomod – den Fiat Multipla – bezahlen würden. „Zusätzlich zu all der Arbeit, die man in einem Designstudio leistet, braucht man ein Unternehmen wie Podium, das all unsere verrückten Ideen aufgreift und sie dann in die Realität umsetzt.“
„Wir wollen das Studio sein, das sich wie die Schweizer Uhrenindustrie verhält – um zeitlose Objekte zu schaffen, die nicht altern.“
Irgendwo im Aostatal
Es schüttet in Strömen, während ich in Richtung Turin ins Aostatal fahre, wo Podium Advanced Technologies ihren Sitz haben. Die Anlage liegt in einer atemberaubenden Kulisse, „eingeklemmt“ zwischen Bergen, flankiert von Wasserfällen und überragt von einer großen Burg, die über den ultramodernen silbernen Hallen thront. Ein Eccentrica auf Testfahrt schießt an meinem Mietwagen vorbei, begleitet von einem donnernden Auspuffklang, bevor er wieder im Gebäude verschwindet. Für mich bleibt nur der Besucherparkplatz.
Podium ist ein technisches Kraftzentrum, das Autos für kleine Hersteller wie die Kunden von BDS sowie für die italienische Legende Carrozzeria Touring Superleggera entwickelt und baut. Zudem arbeitet das Unternehmen auch mit der Scuderia Cameron Glickenhaus zusammen, mit der es 2023 erfolgreich in Le Mans an den Start ging. In einem vollständig robotisierten Bereich der Anlage produziert Podium zusätzlich Batterien und Antriebsstränge für Formel-E-Fahrzeuge. Es scheint, als sei das von Natur aus volatile Geschäft mit Restomods ein angenehmer Nebenerwerb.
Geschäft mit Restomods ein angenehmer Nebenerwerb.
Luca Ciancetti, Entwicklungsleiter bei Podium Advanced Technologies, begrüßt mich am Eingang eines Gebäudes, das eher wie das Headquater von Google aussieht, als eine Autofabrik, und führt mich durch die Anlage, während verschiedene Autos montiert werden. „Unsere Unternehmen sind gemeinsam gewachsen. Wie so vieles in Italien begann auch diese Beziehung bei einem Abendessen – mit Eugenio Amos und Carlo Borromeo, die dabei waren, als wir das Futurista-Projekt besprachen“, erklärt Ciancetti. „Der größte Vorteil unserer Zusammenarbeit ist, dass wir vom ersten Tag an in den Designprozess eingebunden sind. Wichtig ist auch, dass der Kunde zu Beginn eines gemeinsamen Projekts bereits eine konkrete Vorstellung davon hat, wie viel das Ganze kosten wird und somit auch von der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des gesamten Projekts.“
Dieser Ansatz vereinfacht nicht nur den gesamten Prozess, sondern wirkt sich auch auf die Entwicklungszeiten aus – ein Aspekt, der für Carlo Borromeo ebenso wichtig ist. „Nichts ist beängstigender, als einem Designer absolute Freiheit zu gewähren; diese Art von Beziehung verkürzt die Feedback-Schleifen und ermöglicht es uns, unnötige Diskussionen zu vermeiden und schnelle Entscheidungen zu treffen, die auch funktionieren“, sagt er.
Hat diese automobile Nische eine Zukunft? Für Borromeo ist die Antwort ein klares Ja. „In einer Welt, in der sich automobile Ideen von Jahr zu Jahr ändern, wollen wir das Studio sein, das sich wie die Schweizer Uhrenindustrie verhält. Wir wollen zeitlose Objekte schaffen, die nicht altern – was wir intern als ‚Generational Car‘ bezeichnen – ohne eingebaute Obsoleszenz“.