Concours d’Élégance –
Eine Bühne für Automobile
Seit mehr als einem Jahrhundert feiern Concours d’Élégance -Veranstaltungen die großartigsten Automobile, die je gebaut wurden, nach einem altbewährten Prinzip: Die Fahrzeuge werden auf makellosen Rasenflächen vor prächtigen Anwesen aufgereiht, während Juror:innen, Besitzer:innen und Zuschauende zwischen ihnen umherwandern um jedes Chromdetail, jede Naht und jede kunstvolle Karosseriearbeit zu bewundern.
(Showtime) Die Tradition hinter dem Concours d’Elegance hat ihre Wurzeln im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Lange vor dem Aufkommen des Automobils führte der Adel seine kunstvoll verzierten, von Pferden gezogenen Kutschen vor, teils um sich an ihnen zu erfreuen, vor allem aber, um sie zur Schau zu stellen. Schließlich entwickelte sich ein System zu ihrer Bewertung. Das Pferd wich dem Verbrennungsmotor, doch das Ritual blieb bestehen. In jenen Pionierjahren des Automobilbaus produzierten die Hersteller eher Fahrgestelle mit Motor und Antriebsstrang als komplette Fahrzeuge. Die Besitzer wandten sich anschließend an einen Carrossier, der diese Grundlage in etwas ganz Persönliches verwandelte: einen Tourenwagen, einen Roadster oder ein Cabriolet, oft in einem Stil, den es so noch nie gegeben hatte. Die einzigen Grenzen waren das Budget, Technik und die eigene Vorstellungskraft. Es war das goldene Zeitalter, aus dem der Concours, wie wir ihn heute kennen, hervorging. Doch als Autos sicherer, komplexer und ab Werk schwerer anzupassen wurden, ging die Ära der Auftragsfertigung einzigartiger Automobile zu Ende, doch die Wettbewerbe der Eleganz entwickelten sich weiter, um etwas anderes zu feiern: die Bewahrung und Pflege automobilen Kulturguts.
Heute sind diese Veranstaltungen nicht mehr nur Wettbewerbe zwischen Automobilen. Sie gehören zu den letzten Orten, an denen Handwerkskunst, Sammelleidenschaft, Diplomatie und nationale Identität aufeinandertreffen, wobei jeder Concours je nach Veranstaltungsort eine andere Vorstellung von Luxus offenbart. Aus diesem Grund sind Concours-Veranstaltungen zu echten Schauplätzen der „Soft Power“ geworden. Immer mehr Regierungen, Hersteller und Königshäuser erkennen den besonderen Einfluss, den diese Zusammenkünfte besitzen. Ein Concours bietet etwas, was nur wenige kulturelle Veranstaltungen leisten können, nämlich einen Ort, an dem sich Sammler:innen, Designer:innen, Diplomat:innen und Industrielle unter dem scheinbar harmlosen Vorwand treffen, schöne Maschinen zu bewundern. Ein Concours ist ein diplomatischer Raum mit niedrigen Zugangshürden: Nach außen unpolitisch, doch erfüllt von derselben Demonstration von Status, demselben Aufbau von Beziehungen und derselben kulturellen Selbstdarstellung, wie sie auch auf großen internationalen Gipfeltreffen zu beobachten sind.
Ein Land, das einen Concours von Weltklasse ausrichtet, gibt damit ein Statement über seinen Geschmack, seinen Wohlstand, seine Offenheit gegenüber internationalen Sammler:innen und seinen Anspruch auf einen Platz am Tisch der Designkultur ab – ähnlich wie bei der Ausrichtung der Olympischen Spiele oder einer Biennale, nur mit einem fokussierteren, und vermutlich wohlhabenderen Publikum. In diesem Sinne hat sich der Concours d’Eleganza von einem Nischenritual zu etwas entwickelt, das eher einem wandernden Kongress gleicht.
Als sich im Mai dieses Jahres endlich der Nebel über dem Comer See lichtete und die Sonne auf die gepflegten Rasenflächen und Kiesauffahrten der Villa d’Este schien, wurden die zum Concorso d’Eleganza versammelten Gäste mit einer fast überwältigenden Auswahl an historischen Automobilen verwöhnt. Alle natürlich in einem historisch korrekten, unveränderten Zustand oder präzise nach den ursprünglichen Spezifikationen restauriert. Umbauten werden nur akzeptiert, wenn sie während der historischen Betriebszeit des Fahrzeugs vorgenommen wurden; so gewann ein 1937er-BMW 328 Mille Miglia Roadster „Bügelfalte“ die „Trophy BMW Group – Best of Show“. Das diesjährige Motto „Future Needs Heritage“ könnte auf jeden der großen Concours weltweit zutreffen. Die Villa d’Este setzt weiterhin Maßstäbe – und gibt den Ton an – für dieses Genre.
Das weiterer Austragungsort auf der Weltkarte ist Pebble Beach. Was 1950 als Nebenschauplatz eines Straßenrennens durch einen kalifornischen Wald begann – eine bescheidene Zusammenkunft auf einem Übungsplatz vor der Del Monte Lodge –, hat sich möglicherweise zu einer der bedeutendsten Veranstaltung der Automobilsammler entwickelt, die jedes Jahr im August auf dem 18. Fairway der Pebble Beach Golf Links stattfindet. Seit den 1970er-Jahren ist es Tradition, dass die Concours-Vorsitzende Sandra Button, die dieses Amt seit 40 Jahren innehat und im Oktober dieses Jahres zurücktritt, jedes einzelne Fahrzeug persönlich in Empfang nimmt, sobald es auf das Ausstellungsgelände fährt – eine kleine Zeremonie, die den Geist der Veranstaltung jedoch perfekt einfängt.
Auf der anderen Seite des Atlantiks fand der britische „Concours of Elegance“ seit seiner Gründung im Jahr 2012 an verschiedenen Orten der britischen Königsresidenzen statt – im Windsor Castle, im St. James’s Palace und im Palace of Holyroodhouse in Edinburgh –, bevor er schließlich im Hampton Court Palace, dem ehemaligen Sitz Heinrichs VIII., seine endgültige Heimat fand. Die Tudor-Architektur und das älteste Heckenlabyrinth der Welt bieten einen angemessen prächtigen Rahmen für die ausgestellten historischen Fahrzeuge. Der Schirmherr des Concours, Prinz Michael von Kent, ist dafür bekannt, aktiv teilzunehmen; einmal unternahm er mit dem legendären „Napier-Railton Special“ von 1933 eine spontane Spritztour.
In Großbritannien findet zudem das Goodwood Festival of Speed statt, bei dem Eleganz seit 1993 in Dezibel gemessen wird: Die Zufahrt zum Goodwood House dient als Rennstrecke für das sogenannte „Hillclimb“, bei dem die Fahrer:innen dazu ermutigt werden, ihre historischen Rennwägen „mit voller Kraft“ zu steuern. Dabei konkurrieren die teilnehmenden Fahrzeuge auch um die Aufmerksamkeit der Besucher mit den monumentalen Skulpturen des Künstlers Gerry Judah, von denen jedes Jahr eine neue in Auftrag gegeben wird. Die diesjährige Hauptattraktion war eine Zusammenarbeit mit Singer Vehicle Design, einem US-amerikanischen Unternehmen, das sich auf die Restaurierung und Modifikation von Porsche-Fahrzeugen spezialisiert hat. Dabei wurden drei 911-Modelle – Classic, Classic Turbo und DLS – in ein scheinbar der Schwerkraft trotzendes Kunstwerk verwandelt.
Der Concorso d’Eleganza Japan verfolgt einen zurückhaltenderen Ansatz. Veranstaltungsort ist dort der Yakushiji-Tempel in Nara, der im Jahr 680 von Kaiser Tenmu gegründet wurde und heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Der Titel „Best of Show“ ging 2026 an den Rolls-Royce-Sportwagen-Prototypen Phantom „17EX“ aus dem Jahr 1928, der einst dem Maharadscha von Kaschmir gehörte (er gewann 2024 auch beim Valletta Concours d’Elegance auf Malta). Im Februar dieses Jahres kehrte der Concorso Italiano UAE für seine vierte Ausgabe nach Dubai zurück; wie der Name schon vermuten lässt, treten dort ausschließlich italienische Autos an. Der jüngste Neuzugang im globalen Veranstaltungskalender ist der schwedische „Aurora“, der erst 2024 von Filip Larsson und Christian von Koenigsegg ins Leben gerufen wurde. Der skandinavische Concours findet jedes Jahr im Juni in der Küstenstadt Båstad statt. Hier werden Hypercars mit derselben Ehrfurcht behandelt, die die Villa d’Este den Einzelstücken aus der Vorkriegszeit entgegenbringt, wobei hier auch klassische Automobile vertreten sind.
Der Süden Spaniens hat schon immer Menschen angezogen, die außergewöhnliche Autos zu schätzen wissen. Der Concurso de Elegancia erweitert die Vorstellung davon, was Autofahren an der Costa del Sol bedeutet: Vor einem schicken Hotel vorfahren, die Küste hinter sich lassen, in die Hügellandschaft verschwinden und jene Art von Straße finden, auf der ein Motor beim Beschleunigen bis zur Drehzahlgrenze einmal richtig durchatmen kann. Andalusien ist dafür wie geschaffen. Es wechselt rasch vom Meer zu den Bergen; seine Straßen schlängeln sich durch Olivenhaine und Korkeichenwälder, und dank seiner langen Tradition im Motorsport verfügt die Region über mehrere anspruchsvolle Rennstrecken, auf denen man Autos viel besser verstehen kann als hinter einer Absperrung – in diesem Fall Ascari. Was sind also die Highlights in diesem Jahr? Am letzten Tag fahren die teilnehmenden Fahrzeuge zum internationalen Flughafen von Gibraltar, wo die Fahrer:innen direkt auf der Start- und Landebahn unterhalb des berühmten Felsens Runden drehen können. Die Kulisse ist schon dramatisch genug, bevor sich überhaupt ein Rad dreht. Sobald ein Motor auf der Startbahn an Geschwindigkeit gewinnt, wird daraus jedoch etwas völlig anderes. Eine der Auszeichnungen geht an das Fahrzeug mit dem besten Klang – was vielleicht subjektiv, sicherlich nicht unbedingt notwendig aber absolut eine Diskussion wert ist. Ganz wie bei jedem Concours d’Élégance.