Die Renaissance
des Afternoon Teas
Die fünfte Stunde nach Mittag gehört dem Tee. Was in britischen aristokratischen Kreisen seit dem 19. Jahrhundert als kultiviertes Ritual gepflegt wurde, um das Nachmittagstief mit kleinen Häppchen und heißem Tee in feinster Porzellanware zu überbrücken, folgte stets einer Choreografie aus Regeln, Gesten und Inszenierung. Heute kehrt die Tea Time in neuer Form zurück, immer noch „old-fashioned“, aber zelebriert als ästhetische Pause in einer Gegenwart, die Geschwindigkeit zur Norm gemacht hat – und in der Häppchen niemals unterschätzt werden dürfen.
History Infused
(Tee Zeit) Unten plätschert der Elefantenbrunnen, oben auf der Empore werden Erdbeeren mit Goldpuder kredenzt. Wie jeden Nachmittag serviert das Hotel Adlon, Berlins erstes Haus am Brandenburger Tor, seinen Afternoon Tea. Es gibt Sandwiches mit Labneh und Aubergine, Mini-Tartelettes mit Bulgur und Avocadocreme, Champignonpralinen und geräuchertes Lachstatar mit Kaviar, dazu eine breite Auswahl offener Tees. Nach einer kurzen Verschnaufpause folgen Scones mit Aprikosenmarmelade und Clotted Cream, Schoko-Karamell-Donuts, Kokostörtchen und Beerentartelettes. Spätestens jetzt werden etwaige Dinnerpläne gestrichen. Darauf das zweite Glas Champagner – cheers! Eine Szene, die sich nicht nur in der deutschen Hauptstadt ereignet, sondern in vielen Tophotels rund um die Welt.
Weltweit liegen die Briten in Sachen Teekonsum nach der Türkei und Irland zwar nur an dritter Stelle, aber wohl nirgendwo sonst wird dem dazugehörigen Ritual eine derartige Aufmerksamkeit zuteil. Ein stilechter Afternoon Tea ist ein echtes Erlebnis: auf Etageren servierte essbare Kunstwerke, erst salzig, dann süß, bei denen Patissiers zur Hochform auflaufen, dazu eine perfekt kuratierte Auswahl loser Tees, vielleicht Champagner oder, man geht mit der Zeit, alkoholfreie Alternativen.
Teekessel auf Reisen
Als starke Förderin dieser Tee-Kultur gilt die 1783 geborene, stilecht mit eigenem Teekessel reisende Anna Duchess of Bedford, die nachmittags nach Tee und Häppchen verlangte, um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken – woran Jane Pettigrew, ihres Zeichens Tee-Historikerin, allerdings ihre Zweifel hat.
„Essensgewohnheiten ändern sich nicht von heute auf morgen. Tagebucheinträgen zufolge erfrischten sich schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts viele Briten mit einer Tasse Tee und einer Kleinigkeit zu essen, viel früher jedenfalls als die Duchess of Bedford.“ Kaum eine kennt sich besser aus in Sachen Tee als diese perfekt geschminkte Frau mit den feuerroten Haaren, Perlenohrringen und distinguiertem Oxford-English-Akzent: Sie hat Bücher zum Thema verfasst, ist Inhaberin eines Teegeschäfts und bietet als Mitglied der UK Tea Academy entsprechende Schulungen und Beratungen an. Der tea trolley, wie das zum Teeservieren gedachte Wägelchen heißt, gehörte in ihrer Familie zur Grundausstattung.
Fest steht, dass die Teekultur im 17. Jahrhundert von China nach England gelangte, und am dortigen Hof, nicht zuletzt durch den Einfluss der eingeheirateten portugiesischen Infantin Katharina von Braganza, zu einem kultivierten gesellschaftlichen Ritual der englischen Oberschicht wurde. Wer es sich leisten konnte, trank das zuvor als Medizin geltende Heißgetränk nun rund um die Uhr – morgens anstelle von Bier ebenso wie, zu Verdauungszwecken, nach dem damals die Hauptmahlzeit darstellenden, vier- bis fünfstündigen Mittagessen.
Milch wurde erst ab dem 19. Jahrhundert zugegeben. Bis heute scheiden sich die Geister daran, ob sie vor oder nach dem Tee in die Tasse gegeben werden soll. Ab etwa 1700 gab es ihn in Kaffeehäusern, zu denen Frauen allerdings keinen Zutritt hatten, rund fünfzig Jahre später eröffneten die ersten Teegärten, wo Orchester zum Tanztee aufspielten. Aufgrund sinkender Steuern und den Importen der East India Company kamen im 19. Jahrhundert auch niedere Schichten in den Genuss, etwa in jenen tea rooms, die zweifelsohne eine nüchternere Alternative zu den Pubs darstellten. Zuvor hatte ein Pfund Tee so viel gekostet, wie ein Arbeiter im ganzen Jahr verdiente.
Bitte mit Hut
In den 1840ern entwickelte sich Teetrinken in aristokratischen Kreisen zum sozialen, von strengen Regeln begleiteten Event, von der Frage nach der Ankunfts- und Abfahrtszeit über jene der Kleiderwahl – Hut und Handschuhe waren die Accessoires der Wahl – bis hin zur korrekten Zubereitung, welche der Gastgeber aufgrund ihrer Wertigkeit keinesfalls dem Personal überließ. Gegen das Nachmittagstief und um die Zeit bis zum inzwischen den Status der Hauptmahlzeit eingenommenen Abendessens zu überbrücken, wurden dazu Häppchen gereicht, etwa Sandwiches mit Gurke, Ei und Lachs, Shortbread, Pralinen und english muffins – der Afternoon oder Five-o-Clock Tea war geboren.
Vorsicht, Verwechslungsgefahr: Der High Tea war durch Würste und Braten, Fish and Chips, Kartoffelpüree und Shepherd’s Pie wesentlich reichhaltiger und wurde zu einem späteren Zeitpunkt angesetzt. Als Inspiration für beides diente unter anderem Isabella Beetons 1861 erschienenes Haushaltsbuch (Book of Household Management), in dem die Londonerin auf die Wichtigkeit der richtigen Teeziehzeit und optisch ansprechende, nicht zu sättigende Speisen verwies, die leicht zu kauen waren – auch, weil schlechte Zähne ein flächendeckendes Problem darstellten.
Mit dem Aufkommen von Londoner Luxushotels wie The Dorchester, Claridge’s oder Savoy wurde der Afternoon Tea im frühen 20. Jahrhunderts zur Inszenierung gesellschaftlicher Eleganz weitergeführt und neu kodiert. Zudem wurden die bereits erwähnten tea dances immer beliebter. Der Erste Weltkrieg setzte dieser Lebenslust allerdings ein jähes Ende und in den 1950er-Jahren machte die aus den USA importierte Kaffeekultur den tea rooms zunehmend Konkurrenz. Erst in den Achtzigern ging es in Sachen Tee wieder aufwärts, auch was die Qualität betrifft.
„Neben Tee im Beutel, von dem ich überhaupt nichts halte, kamen vermehrt lose Blätter zum Einsatz, außerdem fanden Sorten wie Oolong und Pu-Erh den Weg nach Großbritannien“, erklärt Jane Pettigrew. Seit 1999 baut ihr Heimatland selbst Tee an, in Schottland etwa gibt es mittlerweile rund fünfzig Produzenten. Kein Wunder, ist die britische Hauptstadt in Sachen Afternoon Tea auch heute noch eine hervorragende Wahl ist, wo sich Angebote in jeder Preisklasse finden, ebenso wie solche zu speziellen Themen wie Wimbledon, Mary Poppins, Vincent van Gogh oder dem im The Lanesborough servierten Bridgerton-Tee. Jane Pettigrew mag es lieber klassisch und kann das Mandarin Oriental und Langham empfehlen.
Wie sie Perfektion definiert? „Ich schätze eine große Teeauswahl und wenn der Service Ahnung von Foodpairing hat, was leider selbst in gehobenen Häusern nicht immer der Fall ist. Ein Schokoladenkuchen verlangt nach etwas Starkem wie einem kleinblättrigen Assam, kenianischen Schwarztee oder einem gehaltvollen English Breakfast, ein Victoria Sponge Cake hingegen passt gut zu einem Darjeeling Second Flush oder einem dunklen chinesischen Oolong, zum Beispiel Honey Orchid.“
„Die Tea Time ist so herrlich old fashion und perfekt, um Kindern – und Erwachsenen – Manieren beizubringen.“
Macarons vom Starpatissier
Dabei kommen Fans auch anderswo auf der Welt auf ihre Kosten. Vom Berliner Adlon war bereits die Rede. Die Expertin schwärmt vom The Balmoral Edinburgh, den in Paris gelegenen Le Bristol und Georges V und dem Peninsula Hongkong. Im ebenfalls dort ansässigen Mandarin Oriental werden Scones mit Rosenmarmelade und Taro-Choux serviert, im La Mamounia Marrakesch ist der Starpatissier Pierre Hermé für Macarons und Madeleines zuständig und im Le Meurice Paris serviert sein Kollege Cédric Grolet essbare Trompe-l’œil.
Warum, glaubt Pettigrew, erlebt dieses auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen wirkende Ritual ausgerechnet jetzt ein Revival? „Weil es so herrlich old fashion ist und perfekt, um Kindern – und Erwachsenen – Manieren beizubringen. Es geht um Höflichkeit und korrektes Benehmen, die Kunst der leichten Konversation, denn traditionell haben politische Themen Sendepause.“
Sie selbst liebt besonders die nur zu diesem Anlass servierten Scones, solange sie klein dimensioniert und ofenwarm sind und mit reichlich Clotted Cream und Lemon Curd oder Honig auf den Tisch kommen. Bei einer Sache hingegen ist die Londonerin unerbittlich: „Kuchengabeln haben bei einem Afternoon Tea nichts verloren, schließlich handelt es sich bei dessen Speisen um Fingerfood. Das einzig legitime Besteck ist das zum Bestreichen von Scones gedachte Messer.“
„Ich schätze eine große Teeauswahl und wenn der Service Ahnung von Foodpairing hat.“
Hier kann man Tee genießen