Kunst die
zu Mode wird
Mit naturinspirierten Visionen entwerfen Designer:innen wie J. W. Anderson, Matthieu Blazy, Nicolas Ghesquière und Gabriela Hearst eine neue, sinnlich geprägte Form der Mode-Moderne. Wie bei den prägenden Künstler:innen Vincent van Gogh, Georgia
O´Keefe, Gaetano Pesce und Laurent Grasso wird die Natur so zum kreativen Impuls, zur poetischen Kraft im Wandel der Zeit.
Louis Vuitton &
Laurent Grasso:
Das Verweben von Zeit
Nicolas Ghesquière tritt für Louis Vuitton in einen sinnlichen Dialog zwischen Kunst und Natur – gemeinsam mit dem in Paris lebenden Konzeptkünstler Laurent Grasso.
Teile der Kollektion greifen Werke aus Grassos Serie „Studies into the Past“ auf. Drei Looks und eine Tasche übersetzen seine traumähnlichen Gemälde in Mode, die seine poetischen Landschaften widerspiegelt: cinematische Himmel, fließende Polarlichter, schwebende Meteoriten. So entstehen Szenen, in denen Mode und Natur zu einer Fantasie über Raum und Zeit verschmelzen.
Grasso verbindet Kunst, Natur und Zeit auf eine äußerst vielschichtige Weise. Kosmische Phänomene verzerren seine Perspektive auf Geschichte – klassische Techniken treffen auf surreale Elemente. So entstehen „falsche historische Erinnerungen“, in denen die Grenzen der Epochen aufgelöst werden und Vergangenheit und Zukunft zu einer einzigen visionären Erzählung verschmelzen. Grassos Kunst fügt sich nahtlos in Ghesquières Ästhetik – verbunden durch die gemeinsame Faszination für das Verweben von Zeit.
„Mich fasziniert die Idee, Werke aus vergangenen Zeiten futuristischen gegenüberzustellen – als Dialog zwischen verschiedenen Zeitdimensionen“ Laurent Grasso
Loewe & Vincent van Gogh:
Impulsgeber der Moderne
Jonathan Anderson inszeniert für Loewe Kunstgeschichte, indem er van Goghs „Sonnenblumen“ und „Iris“ in textile Werke verwandelt. Eine Silhouette mit dem „Iris“-Motiv – das Original hängt im Metropolitan Museum of Art in New York – trifft auf ein gelbes T-Shirt, das van Goghs ikonische „Sonnenblumen“ ziert. Diese Art Looks wirken wie kuratierte Museumsshop-Andenken – mit Kultappeal und intellektuellem Feinsinn. Anderson hinterfragt die Grenze zwischen Hommage und Neuinterpretation. Ganz im Sinne des expressiven Duktus und des leuchtenden Gelbs des Malers pulsiert auch die Kollektion vor Energie.
Van Gogh gilt als Wegbereiter der Moderne. In ähnlichem Spirit definierte Anderson Loewe neu – vom traditionellen Lederhaus hin zu einer kulturell aufgeladenen Maison. So wie van Gogh Emotionen in Farbe übersetzte, überführt Anderson Ideen zu Handwerk. Jeder von ihnen erneuerte – in seiner Zeit – die Idee der Moderne.
Bottega Veneta &
Gaetano Pesce:
Form folgt Emotion
Emotionen prägen die Arbeit des italienischen Gestalters und Architekten Gaetano Pesce ebenso wie die des französischen Modemachers Matthieu Blazy, der heute bei Chanel tätig ist. Ihr kreativer Austausch begann mit den expressiven Show-Sets von Bottega Veneta im Jahr 2022 – und reicht über Pesces Tod im April 2024 hinaus. Zu Pesces Ehren greift Blazy in der aktuellen Kollektion dessen Natur- und Meeresmotive auf: Seestern-Jacquards, Fisch- und Baumstrukturen oder Tücher, die an Pesces ikonische „Spaghetti Vase“ erinnern. Blazy übersetzt Pesces Vorliebe für gegossenes Harz und unberechenbare Formen in Stoffe, die mit der optischen Wahrnehmung spielen – papierartige Seide, wachsartiges Leder, hyperreales Handwerk. Für beide ist Material ein Träger von Emotionen. Pesces fantasievolle Objekte finden ihr Echo in Blazys Silhouetten, in denen Naturmotive zwischen Authentizität und Surrealität changieren. Blazy denkt Handwerk neu – als Ausdruck von Intellekt und Verspieltheit, die gemeinsam eine moderne Sprache formen.
Buchtipp: Gateno Pesce:
The Complete Incoherence,
Monacelli über phaidon.com
„Neugier ist die treibende Kraft, die uns durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft bewegt.Sie setzt Denkprozesse in Gang – und mit ihnen Ideen, die zum Entdecken führen.“ ~ Gaetano Pesce
Gabriela Hearst &
Georgia O’Keeffe:
Aquarelle in Bewegung
Designerin Gabriela Hearst schöpft aus Mythen, Natur und Kunst. Ein Signature Look, inspiriert von einem ihrer eigenen Gemälde und handgefertigt von indigenen Kunsthandwerkerinnen, verbindet kolorierte Garne zu mehrdimensionalen Farbverläufen, die der Leichtigkeit eines Aquarells gleichen.
Diese kunstvollen Lasuren lassen leise Assoziationen zu der Arbeit der Künstlerin Georgia O’Keeffe aufkommen – der „Mutter des amerikanischen Modernismus“. Ihre Aquarelle wirken wie aufgelöste Landschaften, eine Art visuelle Reflexion ihrer Beziehung zur Natur.
Hearsts fließende Handwerkskunst spiegelt O’Keeffes artistische Methodik wider: Ihre Mode ist eine visuelle Meditation über Präsenz und Tiefe. Wie O’Keeffe einst sagte, ihr Werk sei ein Geschenk an die Welt, so versteht auch Hearst ihre Mode als Geste und nachhaltiges Design als einen Akt der Poesie. Mit regenerativen Materialien, traditionellen Techniken und achtsamer Innovation entstehen Silhouetten, die zugleich skulptural und weich wirken. Die Parallelen der beiden Künstlerinnen sind klar erkennbar: Aus Konzentration wird Form, aus Materie wird Kunst.