17. September 2026

Die Würde
der Schönheit

Fashion and Beauty

Entsprungen einer umbrischen Bauernfamilie, groß geworden mit Kaschmir. Brunello Cucinelli gehört zweifelsohne zu den ungewöhnlichsten Persönlichkeiten in der Luxusindustrie. In Solomeo, dem restaurierten mittelalterlichen Dorf im Herzen Umbriens, in dem er sich niederließ und wo wir ihn besuchen durften, wird Kaschmir, Handwerk und Philosophie zu einer selten gewordenen Idee von Schönheit verwoben. Cucinellis Geschichte kann über edle Materialien und zeitlose Mode erzählt werden, doch im Kern geht es bei dieser Geschichte um eine viel größere Vision: Über die Verantwortung, als Mensch die Welt schöner zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.

Brunello Cucinelli – Die Würde der Schönheit

(Humanität) „Ich berausche mich am Licht der Sterne.“ Das ist einer jener Sätze, die Brunello Cucinelli ganz nebenbei über die Lippen kommen. Für den italienischen Philanthropen und Unternehmer der gleichnamigen Luxusmarke sind solche Aussagen keine Metaphern, sondern Teil seiner Einstellung zum Leben. Während ich mit ihm spreche, merke ich schnell, dass sich dieses Gespräch eher nicht um Kaschmir-Mode drehen wird. Lieber möchte Herr Cucinelli über die Erde, die Sterne, die Würde des Menschen und unsere Verantwortung, die Welt den kommenden Generationen ein wenig schöner zu hinterlassen, sprechen. Auch gut – vielleicht sogar besser.

Immer wieder kehrt er während unserer Konversation zu seinem Ursprung zurück, zu seinem Vater, zu den Bauernhöfen seiner Kindheit, zu Solomeo – jenem mittelalterlichen Dorf in Umbrien, bei dem er sich als „kleiner Wächter pro tempore“ versteht. Er zitiert die Philosophen Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer, aber auch den bedeutenden Kaiser des frühen römischen Reiches Hadrian, den altgriechischen Denker Xenophanes und ebenfalls den heiligen Franziskus. Sie alle gehören ganz selbstverständlich mit an den Tisch. Cucinellis Gedanken kreisen um Schönheit und Gemeinschaft, um Handwerk und Kultur, ebenso wie um wirtschaftlichen Erfolg und die moralische Würde des Menschen. Das Kaschmir, mit dem er berühmt wurde, ist dabei nur der Anfang einer viel größeren Geschichte.

BRUNELLO CUCINELLI UMGIBT SICH gerne MIT DEN GRÖSSTEN GEISTERN DER GESCHICHTE.

MAISON Ë Herr Cucinelli, wenn Sie heute auf den Jungen aus Castel Rigone zurückblicken, welche Erfahrungen Ihrer Kindheit haben Ihr Verständnis von Arbeit, Schönheit und Menschlichkeit am stärksten geprägt?

BRUNELLO CUCINELLI Ich stamme aus einer Bauernfamilie, weshalb ich die Schwierigkeiten meines Vaters und meiner Brüder miterlebt habe. Ich habe gesehen, wie sie bei ihrer Arbeit gedemütigt und beleidigt wurden. Damals war ich fünfzehn oder sechzehn Jahre alt und ich sagte mir: Ich weiß nicht, was ich im Leben einmal tun werde. Aber ich möchte mein Leben der moralischen und wirtschaftlichen Würde des Menschen widmen.

Dieser Gedanke hat mich nie wieder verlassen. Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr lebten wir ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Das Wasser holten wir vom Brunnen, sammelten Regenwasser, verschwendet wurde nichts. Wir gingen schlafen, wenn die Sonne unterging und standen auf, wenn sie wieder aufging. Es war eine wunderschöne Beziehung zur Schöpfung. Deshalb liebe ich die Erde so sehr. Dieses Leben hat mich gelehrt, ihren Wert zu verstehen. Und vielleicht hat es mir auch beigebracht, immer wieder zum Himmel zu schauen. Ich sage oft, dass ich mich am Licht der Sterne berausche. Einige mögen denken: Dieser Mann ist verrückt. Doch die Schöpfung schenkt uns dieses außergewöhnliche helle Licht. Wenn wir zum Himmel schauen, können wir Inspiration finden.

Meine Familie bestand aus dreizehn Personen, alle hatten starke Ideale. Vor allem mein Vater hat mich sehr geprägt. Er starb vor zwei Jahren im Alter von hundert Jahren. Er sagte immer zu mir: „Du musst ein guter Mensch sein. Gott schützt dich. Aber bitte füge keinem einen Schaden zu.“ Jeden Abend, bevor ich schlafen gehe, spreche ich mit meinem Vater und meiner Mutter. Ich sage ihnen: „Passt auf, dass ich der Menschheit keinen Schaden zufüge.“ Das ist wahrscheinlich der wichtigste Gedanke meines Lebens.

M. Ë Diese Gedanken beschreiben sehr gut den Begriff des Humanistischen Kapitalismus, der stark durch sie geprägt wurde. Worin liegen die Wurzeln dieser Philosophie?

B. C. In meinem Unternehmen habe ich immer versucht, ein gesundes Wachstum zu erreichen. Denn alles braucht ein Gleichgewicht. Es gibt eine klimatische Nachhaltigkeit, aber ebenso eine wirtschaftliche, eine moralische und eine spirituelle. Wenn ich mit einem Menschen zusammenarbeite und ihn schlecht behandle, leidet seine Seele.
Wir haben heute die Möglichkeit, wirtschaftlichen Erfolg und menschliche Würde wieder miteinander zu versöhnen. Genau darin sehe ich den Sinn des Humanistischen Kapitalismus.

M. Ë Wie lässt sich das Menschliche bewahren?

B. C. Ich möchte uns allen etwas mitgeben: Lasst uns die menschliche Beziehung wiederentdecken. Die Beziehung zu unserem Partner, zu unserer Familie, zu unseren Kindern. Lasst uns unsere Kinder nicht zu sehr beeinflussen. Sie müssen lernen, ihren eigenen Weg zu finden. Lasst sie natürlich leben, lasst sie auch einmal nichts tun. Lasst sie zum Himmel schauen. Kaiser Hadrian, sagte einmal: „Bücher haben mir den Weg zum Leben gezeigt.“ Auch ich habe im Laufe meines Heranwachsens durch Bücher verstanden, wie groß ihre Bedeutung für unser Leben ist.

M. Ë Wir leben in einer Zeit, in der Technologie immer stärker in unser Leben eingreift …

B. C. Technologie ist zweifellos ein Geschenk der Schöpfung. Doch wenn wir sie nicht weise einsetzen, besteht die Gefahr, dass sie uns genau das nimmt, was uns die Schöpfung geschenkt hat: unsere Seele.

Künstliche Intelligenz wird unsere Zukunft begleiten. Ich betrachte sie als einen Assistenten, ein Werkzeug. Wir sollten keine Angst vor ihr haben. Viel wichtiger ist es, unseren Kindern diese Angst zu nehmen und ihnen stattdessen Hoffnung zu schenken. Das wird unsere größte Verantwortung bleiben.

M. Ë Überall in ihrem Unternehmen sieht man Skulpturen und Bilder großer Dichter, Denker und Philosophen. Umgeben Sie sich gerne mit großen Ideen?

B. C. Mich haben die großen Denker geprägt, auch die wunderbaren deutschen Philosophen wie Arthur Schopenhauer. Sie haben uns gelehrt, dass der Mensch sich immer wieder selbst entdecken muss. Ich sage oft: Dichter sind die größten Menschen auf Erden. Sie besitzen die wunderbare Gabe, uns den Menschen und seine Seele verständlich zu machen. Sie erinnern uns daran, dass das Wesentliche nicht im Lärm der Welt liegt, sondern in der Fähigkeit des Menschen, über sich selbst nachzudenken.

Ich glaube, wir leben in einem magischen Moment der Menschheitsgeschichte, einem magischen Moment für Europa. Gerade deshalb brauchen wir eine neue Weltordnung. Doch sie wird nicht allein durch Technologie oder wirtschaftlichen Fortschritt entstehen. Sie beginnt dort, wo der Mensch seine Beziehungen wiederentdeckt, wo er Kultur, Denken und Menschlichkeit wieder in den Mittelpunkt seines Lebens stellt.

“Gemeinschaft war schon immer einer meiner wichtigsten Werte. Ich wollte sie nicht nur in meinem persönlichen Leben finden, sondern auch im Unternehmen.”

BRUNELLO CUCINELLI

M. Ë Welch schöne Überleitung zu Solomeo. Welche Rolle spielt dieser Ort in Ihren Leben?

B. C. Ich bin in einer kleinen Ortschaft ganz in der Nähe von Solomeo aufgewachsen. Als ich dann meine Frau kennenlernte, mit der ich seit siebenundfünfzig Jahren zusammen bin, verliebte ich mich gleichzeitig in Solomeo. Es wurde zu meinem Ort der Seele. Ich glaube, jeder Mensch braucht einen solchen Ort. Meistens ist es der Ort, an den man eines Tages zurückkehren möchte, jener Ort, an dem man begraben werden möchte.

Ich wollte dieses damals sehr heruntergekommene Dorf wiederherstellen und es den Menschen hinterlassen, die nach uns kommen. Ich sehe mich dabei nicht als Besitzer, sondern als einen kleinen Wächter „pro tempore“. Wir sollten die Dinge nicht besitzen wollen. Wir dürfen sie nur für eine bestimmte Zeit bewahren und haben die Verantwortung, sie schöner an die nächste Generation weiterzugeben. Seit mehr als sechshundert Jahren werden hier Olivenöl, Weizen und Wein produziert. Heute produziert Solomeo eben auch Kaschmir. Die Geschichte dieses Ortes wurde also nicht unterbrochen, sondern weitergeschrieben.

Ich habe immer an das Leben im Dorf geglaubt. Jean-Jacques Rousseau schrieb bereits 1765, dass das Leben in den Städten schwieriger geworden sei und wir in die Dörfer zurückkehren müssten, um neu nachzudenken und die Menschheit neu zu gestalten. Ich liebe diesen Gedanken. Denn ich glaube auch, dass wir uns selbst wiederfinden müssen. Im Dorf gibt es weniger spirituelle Armut, weniger wirtschaftliche Armut und vor allem weniger Einsamkeit. Es gibt immer jemanden, der bereit ist, dir zuzuhören. Vielleicht muss man auf dem Land geboren sein, um dieses Gefühl wirklich zu verstehen.

Wir müssen lernen, unseren Lebensraum gut zu nutzen und nach unseren Bedürfnissen zu gestalten. Genau das wollte ich in Solomeo verwirklichen. Daher haben wir zuerst das Dorf restauriert und danach ein Theater gebaut. Für mich stellt das einen säkularen Tempel der Kunst dar, ein Denkmal für die Würde des Menschen. Wir bauten einen Weinkeller als Hommage an die Erde. Xenophanes sagte: „Alles kommt aus der Erde.“ Dieser Gedanke begleitet mich bis heute.

DIE PHILOSOPHIE VON BRUNELLO CUCINELLI FUSST AUF DEM GLEICHGEWICHT ZWISCHEN WIRTSCHAFTLICHEM ERFOLG UND MENSCHLICHER WÜRDE.

M. Ë War Solomeo von Anfang an Teil Ihrer Vision, oder ist das Dorf parallel zu Ihrer Marke gewachsen?

B. C. Ich würde sagen, dass die Marke zuerst geboren wurde. Aber die Idee, ein Unternehmen in einem Dorf aufzubauen, entstand aus dem Wunsch heraus, dort zu leben und den Menschen bessere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen.
Unsere ersten Werkstätten befanden sich in einem Gebäude aus dem 14. Jahrhundert. Zwischen Fresken, steinernen Bögen und alten Holzbalken herrschte eine wunderbare Atmosphäre. Es war kein gewöhnlicher Arbeitsplatz. Die Geschichte dieses Ortes war überall spürbar. Dort arbeiteten wir so lange, bis unser Unternehmen auf rund dreihundert Menschen angewachsen war.

M. Ë Und heute?

B. C. Heute gibt es in Solomeo Schulen und Ausbildungsstätten für Handwerk, Schneiderei und andere traditionelle Berufe. Unsere Fabrik befindet sich am Rand des Dorfes. Auch sie erzählt eine Geschichte. Es ist keine neue Fabrik, sondern ein Gebäude aus den 1960er- und 1970er-Jahren, das einst einer bekannten deutschen Firma gehörte. Wir haben uns bewusst gegen einen Neubau entschieden. Stattdessen haben wir das Bestehende restauriert, denn Land ist kostbar. Warum sollten wir neue Erde verbrauchen, wenn wir dem Vorhandenen neues Leben schenken können?

Es arbeiten rund dreitausendfünfhundert Menschen mit uns. Solomeo ist ein lebendiges Dorf geblieben. Es gibt Theater, Musik und Tanz, die Kirche und Orte, an denen sich die Menschen begegnen. Familien verbringen die Abende miteinander, Kinder spielen auf der Piazza, das Dorf hat seinen ganz eigenen Rhythmus.

Gemeinschaft war für mich immer einer der größten Werte. Ich wollte sie nicht nur im Unternehmen, sondern auch im Leben wiederfinden. Deshalb lebt meine Familie bis heute in Solomeo. Am Abend treffen wir uns auf einen Kaffee, manchmal spielen wir Karten, erzählen Geschichten und lachen miteinander. Ich mag diese Momente sehr. Sie erinnern mich jeden Tag daran, dass ein Unternehmen nicht nur ein Ort der Arbeit sein sollte, sondern immer auch ein Ort des Lebens.

IN SOLOMEO VERBINDEN SICH ARBEIT UND LEBEN MIT EINEM STARKEN GEMEINSCHAFTSGEFÜHL.

M. Ë Sie beschreiben Luxus als ein Gleichgewicht zwischen Schönheit, Moral und Menschlichkeit. Ist der wahre Luxus heute vielleicht weniger das Besitzen als das Bewahren?

B. C. Ich glaube, dass Luxus etwas ist, das außergewöhnlich gut gemacht wurde – ein hochwertiges Produkt, das man eines Tages weitergeben kann und das nicht zu weit verbreitet sein sollte, weil Exklusivität weiterhin einen Wert besitzt. Genau das wollte ich von Anfang an schaffen. Ob unsere Kollektionen stilistisch schön sind, darüber möchte ich nicht urteilen. Aber ich kann sagen, dass wir jeden Tag nach höchster Qualität, außergewöhnlicher Handwerkskunst und sorgfältiger Verarbeitung streben.

Für mich gehört jedoch noch etwas viel Wichtigeres dazu. Ich möchte ein Produkt herstellen, das möglichst ohne Schaden für die Menschheit entstanden ist. Ein Produkt, an dem Menschen gearbeitet haben, die einen gerechten Lohn erhalten, deren Würde respektiert wird und das zugleich in einer guten Beziehung zur Schöpfung steht.

Darf ich Ihnen etwas sehr Persönliches erzählen? Ich liebe den heiligen Franziskus. Vor achthundert Jahren starb dieser außergewöhnliche Mensch, der mit der Sonne, der Erde, den Tieren und der gesamten Schöpfung sprach. Für mich war Franziskus vielleicht der Erste, der einen Gesellschaftsvertrag mit der Schöpfung geschlossen hat. Heute stehen wir vor der Aufgabe, diesen Bund zu erneuern. Deshalb glaube ich, dass wir uns auf ein wunderbares Jahrhundert zubewegen. Ein Jahrhundert, in dem wir das Gleichgewicht zwischen Moral, Wirtschaft und Menschlichkeit wiederfinden können. Darin liegt für mich die wahre Zukunft des Luxus.

IM HERZEN UMBRIENS GELEGEN, IST DAS MITTELALTERLICHE DORF SOLOMEO DER AUSGANGSPUNKT FÜR BRUNELLO CUCINELLIS VISION.
TEXT
Inka Moll
FOTografie
Andrea Pugiotto
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