Angela Dammans
Agaven-Atelier

Art and Design

Kurz hinter Mérida, der Hauptstadt von Yucatán, wo pastellfarbene Fassaden in dichten Dschungel übergehen, entdeckte die US-amerikanische Designerin und ehemalige Umweltberaterin Angela Damman ihre Berufung, die nicht nur ihr Leben verändern, sondern auch zur Wiederbelebung eines alten Handwerks beitragen sollte. Heute leitet Angela eine wachsende Gemeinschaft lokaler Kunsthandwerker:innen die heimische Fasern wie Henequen, einst bekannt als das „grüne Gold“ Yucatáns, von Hand weben.

Angela Damman verbrachte zwei Jahre mit lokalen Handwerker:innen und lernte verlorene Webtechniken neu.

(Handwerk)Bevor sie nach Mexiko zog, lebte Angela Damman mit ihrer Familie in Colorado, wo sie Häuser restaurierte und ein großes Interesse an nachhaltigem Design entwickelte. Aber nichts hätte sie auf das vorbereiten können, was sie in der kleinen Stadt Telchac Pueblo erwartete – eine verfallene Hacienda, überwuchert von Weinreben, deren Mauern vom Zahn der Zeit gezeichnet waren. Damman sah aber nicht nur in dem Gebäude Potenzial, sondern auch in den einheimischen Pflanzen, die wild um die Hacienda wuchsen. Darunter auch Henequen, eine Agavenart, die einst als „grünes Gold“ von Yucatán bekannt war. Seit Jahrhunderten hatten Mayas daraus Seile, Taschen und Textilien hergestellt.

Fasziniert von dem Material und den Frauen, die es noch immer von Hand webten, verbrachte Damman zwei Jahre damit, von lokalen Handwerker:innen zu lernen, ländliche Gegenden zu bereisen und beinahe verlorene Techniken wieder zu erlernen. Aus diesem Prozess heraus entstand ihr Label, das skulpturale Leuchten, Taschen und Textilien, allesamt gefertigt aus heimischen Fasern, anbietet. Heute ist die, in die Jahre gekommene Hacienda Dammans Zuhause, Atelier und Werkstatt, von wo aus sie ein Netzwerk von Kunsthandwerker:innen in ganz Yucatán unterstützt und dazu beiträgt, ein altes Handwerk wiederzubeleben, das schon fast ausgestorben war. MAISON Ë erreichte sie zur goldenen Stunde per Videoanruf. Sanftes Licht fiel durch die hohen Bogenfenster ihrer Werkstatt, Vogelgezwitscher erfüllte die Luft und fernes Lachen markierte das Ende des Arbeitstages, als Damman begann, ihre Geschichte zu erzählen.

Maison Ë Was hat Sie ursprünglich nach Yucatán geführt und was war Ihr erster Eindruck von der Hacienda, die Sie heute Ihr Zuhause nennen?

Angela Damman Wir fanden die Hacienda, als sie noch eine Ruine war – überwuchert, mit eingestürzten Mauern und umgestürzten Holzbalken. Der Vorbesitzer hatte zwar mit der Renovierung begonnen, aber nur sehr wenig weitergebracht. Trotzdem fühlte sich die Umgebung unglaublich friedlich an und strahlte eine gewisse Energie aus. Wir hatten ursprünglich vor, sechs Monate oder ein Jahr zu bleiben, um alles zu renovieren und dann nach Colorado zurückzukehren. Aber schon im ersten Monat sahen mein Mann und ich uns an und dachten: Vielleicht ist es das? Es war ein Gefühl von Abenteuer, bei dem es eine Menge zu lernen gab. Die Menschen hier waren so herzlich und großzügig, dass es schwer vorstellbar war, wieder wegzugehen.

M.Ë Hatten Sie zuvor schon Erfahrung mit Restaurierungsarbeiten?

A. D. Wir hatten schon Häuser in Colorado renoviert, aber das hier war etwas ganz anderes. Hier wird alles von Hand gemacht – keine schweren Maschinen, keine Abkürzungen. Alle Wände sind aus handbehauenem Stein. Der Prozess war langsam, aber auch sehr intim. Man ist physisch näher an der Arbeit. Das erfordert Geduld und Präzision. Ich erinnere mich, dass mein Mann fragte, warum wir nicht einfach einen Zementmischer mieten oder eine Spezialbohrmaschine besorgen, aber solche Dinge werden hier nicht verwendet. Die Bauarbeiter verlassen sich auf ihr Können, nicht auf Werkzeuge. Das hat eine gewisse Schönheit.

„Hier wird alles von Hand gemacht
keine schweren Maschinen,
keine Abkürzungen.“

Das „grüne Gold“ von Yucatán: die Agavenpflanze, verwurzelt in Tradition und Wandel.

M.Ë Wann haben Sie begonnen, sich für die Pflanzen auf dem Grundstück und die Fasertraditionen der Region zu interessieren?

A. D. Ich bin auf einer Farm in Minnesota aufgewachsen, daher war ich schon immer neugierig, was die Menschen anbauen und wie sie es verwenden. Unser Grundstück ist von Henequen umgeben, einer in dieser Region heimischen Agavenart. Früher wurde sie in großem Stil angebaut, um Seile und Schnüre herzustellen, aber sie hat auch eine lange Tradition in der Handwerkskunst der Maya. Ich sah, was die lokalen Handwerker:innen aus den Pflanzenfasern herstellten, und wollte mehr darüber erfahren. Besonders faszinierte mich, dass diese Pflanzen ohne Bewässerung und Chemikalien wachsen – sie gehören hierher und gedeihen prächtig.

M.Ë Wie haben Sie als Neuling in der Region und der Kultur begonnen, mit den Kunsthandwerker:innen zusammenzuarbeiten?

A. D. Anfangs sprach ich kein Spanisch, und viele der Handwerker:innen, mit denen ich heute zusammenarbeite, sprechen Maya als Muttersprache. Aber ich bin einfach hingegangen, habe zugehört und deutlich gemacht, dass ich nicht nur auf der Durchreise bin. Ich wollte langfristige Beziehungen aufbauen, und das bedeutete, ein kontinuierliches Einkommen und Chancen für alle Beteiligten zu schaffen. Ich hatte International Business studiert und wusste daher, wie wichtig kultureller Respekt ist. Vor allem habe ich einfach weiter gelernt – über die Menschen, die Traditionen und darüber, wie man trotz unterschiedlicher Sprachen und Perspektiven miteinander kommunizieren kann.

M.Ë Was war das erste Textil, das Sie entwickelt haben?

A. D. Ich war fasziniert von der Agavenfaser, weil sie mich an Pferdehaar erinnerte. Ich hatte kurze Zeit Mode an der Universität studiert und Textilkurse besucht, also fragte ich mich: Könnten wir einen Stoff herstellen, der so fein ist, dass man ihn mit Pferdehaar verwechseln könnte? Es dauerte ein paar Jahre, aber wir haben es geschafft. Die Leute konnten nicht glauben, dass es kein Pferdehaar war. Das war ein Durchbruch. Plötzlich hatten wir einen Luxusstoff, der vollständig aus lokalen Pflanzenfasern hergestellt war. Das half mir, die Richtung zu klären, in die ich gehen wollte: Verfeinerung des Prozesses und des Materials, während ich der Region und den Menschen verbunden blieb.

M.Ë Wie hat sich Ihre Arbeitsweise seither entwickelt?

A. D. Alles wird auf Bestellung gefertigt, daher beginnt der Entwurfsprozess oft mit einem meiner bestehenden Stücke, das dann je nach den Kundenwünschen angepasst wird – Größe, Form, Farbe. Momentan fertigen wir eine Reihe überdimensionaler Kronleuchter für ein Haus in Pennsylvania. Sie sind fast zweieinhalb Meter hoch. Stücke in dieser Größe sind eine Herausforderung – man muss die Konstruktion der Halterung, den Transport und die Installation berücksichtigen –, aber sie strahlen auch eine Präsenz aus, die ich liebe.

„Ich wollte nicht mit bestehenden
Handwerkstraditionen konkurrieren,
also habe ich mich darauf konzentriert,
etwas Neues zu entwickeln.“

M.Ë Wie sieht die Produktion heute aus?

A. D. Es beginnt auf unserem Grundstück – wir bauen die Pflanzen an und extrahieren und reinigen die Fasern von Hand. Dann fertigen und vollenden wir die Stücke hier im Atelier. Ich arbeite aber auch eng mit Handwerker:innen aus den umliegenden Dörfern zusammen. Einige Frauen weben noch mit dem Gurtwebgerät, was unglaublich arbeitsintensiv ist und zu verschwinden droht. Andere spinnen von Hand Fasern aus Pflanzen wie Sansevieria, auch bekannt als „Schwiegermutterzunge“. Einige nähen, andere häkeln oder machen Makramee. Alle sind in der Nähe. Es ist mir wichtig, alles lokal zu halten.

M.Ë Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, unter anderem auf dem Salone del Mobile in Mailand und der Design Miami. Was hoffen Sie verstehen die Menschen außerhalb Mexikos, wenn sie Ihre Arbeiten sehen?

A. D. Dass diese Materialien und Techniken aus einem bestimmten Ort und einer bestimmten Kultur stammen. Die Fasern sind außerhalb dieser Region kaum bekannt. Die Präsentation der Arbeiten auf internationaler Ebene eröffnet Gespräche, nicht nur über Ästhetik, sondern auch über Wissen, Arbeit und Wert. Ich teile diese Erfahrungen immer mit den Handwerker:innen – wo die Stücke hingehen, wer sich für sie interessiert. Für sie ist es wichtig zu sehen, dass ihre Arbeit weltweit wahrgenommen und geschätzt wird.

Die Agavenfaser ist so fein, dass sie mit Pferdehaar verwechselt werden kann.

M.Ë Sie veranstalten demnächst Ihre erste Artist-in-Residence. Was ist die Absicht hinter diesem Programm?

A. D. Das ist noch offen. Manche möchten vielleicht mit den Fasern arbeiten, andere schreiben, recherchieren oder suchen einfach einen Ort zum Nachdenken. Das Land und das Atelier haben eine besondere Ausstrahlung – viele sagen, dass sie sich hier geerdet fühlen. Besucher:innen fragten mich, ob sie länger bleiben könnten, um an ihren eigenen Projekten zu arbeiten, also habe ich beschlossen, das zu ermöglichen.

M.Ë Was hoffen Sie, nehmen die Menschen aus Ihrer Arbeit mit?

A. D. Ich möchte, dass die Menschen die Möglichkeiten dieser Fasern erkennen – dass man mit den Materialien, die in der Umgebung wachsen, und dem Wissen einer Gemeinschaft etwas Raffiniertes, sogar Luxuriöses schaffen kann. Alles, was wir tun, ist biologisch, lokal und vollständig handgefertigt. Es ist buchstäblich von Grund auf aufgebaut. Das bringt eine gewisse Energie mit sich. Wenn Menschen uns besuchen, spüren sie das. Und ich denke, dieses Gefühl – dass etwas Lebendiges entsteht – ist es, was ich mit meiner Arbeit vermitteln möchte.

Text
Anna Dorothea Ker
Fotografie
Uta Gleiser
(Alle anzeigen)
Meine Liste
Read (0)
Watch (0)
Listen (0)
Keine Stories